Er sucht. Er hört. Er sieht

Spielwütig (II): Ronald Zehrfeld

Alexandra Wach, FILM-DIENST 19/2013


Ein Ost-Berliner am Hindukusch. Die 40 Kilo schwere Kampfmontur steckt er dank seiner massigen Körpergröße noch weg. Die drohende Ermordung des Dolmetschers durch die Taliban, den die sich zurückziehende Bundeswehr in Afghanistan zurücklässt, zehrt schwerer an seinen Kräften. Im zweiten Spielfilm der Regisseurin Feo Aladag („Die Fremde“), der im Frühjahr 2014 ins Kino kommt, spielt Ronald Zehrfeld, zur Abwechslung mal ohne Bart und kurzhaarig, einen zwischen Vorschriften und Moral hin und her gerissenen Soldaten. „Später im Sommer“ wurde an Originalschauplätzen in Afghanistan gedreht. Eine körperbetonte Rolle, die wie für den breitschultrigen Mittdreißiger geschrieben wirkt und das deutsche Kino vorbildlich um ein weiteres Mosaikstück bundesrepublikanischer Gegenwart bereichert.

Surreal verzerrter mögen es die Macher von „Finsterworld“, einem entgleisten Deutschlandmärchen aus der Feder des Berufsmisanthropen Christian Kracht. Zehrfelds Gegenpart übernimmt in dem beeindruckenden Figurenensemble Sandra Hüller. Er Polizist, sie Dokumentarfilmerin. Dazwischen ein Bärenkostüm, in dem man dem anderen aus dem Weg gehen kann. Was für ein Paar! Ob der Film der Wucht dieser explosiven Konstellation gewachsen ist? Bereits in Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ mimte Zehrfeld den Gesetzeshüter: redselig, von sich eingenommen und im Ernstfall zu brachialen Methoden bereit. Ein Charakter mit Ecken und Kanten, der Zehrfeld einen Grimme-Preis einbrachte.

Seinen Theatereinstand gab der Judo-Leistungssportler gleich bei einem Wüterich wie Peter Zadek. Der engagierte ihn am Deutschen Theater noch als Student der Schauspielschule Ernst Busch, die Zehrfeld nach einem abgebrochenen geisteswissenschaftlichen Studium wählte. Der Umweg hat ihm nicht geschadet. In Interviews glänzt der Sohn eines DDR-Ingenieurs und einer Betriebswirtin durch ungewohnte Reflexionstiefe, die man von einem 1,90 Meter großen Kraftpaket nicht sofort erwarten würde. Ausgestanzte Phrasen kommen ihm nicht über die Lippen. Die Distanz zum eigenen Beruf scheint getragen von einer leisen Melancholie, einer seltenen Integrität, die stets nach der allzu menschlichen Dimension einer Rolle fragt. Vielleicht das Erbe einer von politischen Umbrüchen durcheinandergewirbelten Biografie? Oder doch nur das Resultat einer verstolperten Berufswahl durch einen zufällig besuchten Theaterworkshop?

Die Rollenskala vom fechtenden Seeräuber Klaus Störtebeker über den Republikflüchtling in „Wir wollten aufs Meer“ bis zum empfindsamen Arzt in Christian Petzolds Drama „Barbara“ muss dem viril nachdenklichen Beau ohnehin erst einer in seiner Generation nachmachen. Der junge Gerard Depardieu drängt sich auf, der von Marguerite Duras und Maurice Pialat als authentischer Unterschichttyp besetzt wurde, aber auch im Mainstream als publikumswirksamer Kommissar oder Gangster eine gute Figur machte; nur den abgeklärten Intellektuellen würde man Depardieu wohl nicht abnehmen. An der Seite von Nina Hoss bekam Zehrfeld in „Barbara“ seine bislang dankbarste Rolle geschenkt, die er nicht zuletzt aufgrund der eigenen Kindheitserfahrungen in der DDR mit einer entwaffnenden Natürlichkeit zur Wirksamkeit brachte, ganz ohne die latent eruptive Haudraufpräsenz, auf die man ihn bis dahin zu reduzieren drohte.

Christian Petzold sagte damals über seinen Hauptdarsteller: „Ronny schaut sich die Welt an, weil er sie liebt. Wenn er das Set betritt, dann geht er herum, und schaut und berührt und öffnet. Gegenstände, Schränke, Ordner. Man merkt das gar nicht, ganz dezent macht er das. Nicht wie Kinder oder Polizisten. Er sucht. Nimmt auf. Er hört. Er sieht.“ Ein Schauspieler also, der mit Haut, Haar und Herz die Dinge des Lebens in sich aufsaugt. Bleibt zu hoffen, dass sich Petzold erneut in den sanften Riesen mit der Berliner Schnauze verliebt und ihm eine neue Facette entlockt. Bis dahin ruft erstmal der Echte-Männer-Job in Afghanistan.



Filmografie

2012 Finsterworld

2012 Wir wollen aufs Meer

2011 Barbara

2011 Das unsichtbare Mädchen

2011 Die Stunde des Wolfes

2010 Die Unsichtbare

2009 Im Angesicht des Verbrechens

2009 12 Meter ohne Kopf

2009 Die Grenze

2008 In jeder Sekunde

2005 Der Rote Kakadu