Erlesene Härtefälle

Spielwütig (XI): Die Schauspielerin Franziska Weisz

Alexandra Wach, FILM-DIENST 11/2014


Wenn im Kino eine Frau darum kämpft, eine andere zu werden, geht es meistens um eine verspätete Selbstfindung. In Jessica Hausners „Hotel“ von 2004 war davon nichts zu spüren. Die von Franziska Weisz gespielte Heldin verliert sich in einem beängstigenden Tempo. Als frisch diplomierte Hotelfachfrau verschlägt es sie in ein Berghotel in den österreichischen Alpen. Ihre Vorgängerin ist unter mysteriösen Umständen verschwunden, und anstatt das Weite zu suchen, identifiziert sie sich mit der Frau, deren Äußeres sie nachzuahmen beginnt. Allmählich verändert sich auch ihr Charakter. Sie lässt sich im Dorf auf eine Affäre ein, obwohl sie bei ihrer Ankunft eher übermäßig diszipliniert und sexuell unerfahren gewirkt hat. Je mehr sie mit dem Phantom der Fremden verschmilzt, umso mehr läuft Weisz, die zuvor nur in Nebenrollen, u.a. bei Ulrich Seidl, Michael Haneke oder Pepe Danquart, aufgetreten war, zur Hochform auf. Nachdem sie am Ende ohne großes Aufsehen im Wald verschwunden war, traute man ihr jede Verwandlung zu und war doch erleichtert, dass sie ihre scheinbar ins Leere laufenden Angstgefühle in keinem konventionellen Showdown hatte entladen müssen. Ihr bis ins Innerste verun­sichertes Gesicht erwies sich schließlich als ein überaus dankbarer Fahrstuhl in die Abgründe der Seele, in den man noch öfter einsteigen wollte.

Dazu gab es erst 2009 wieder Gelegenheit. Weisz kehrte nach Zwischenstationen beim Fernsehen auf die große Leinwand der „Berlinale“ zurück. In Thomas Siebens Drama „Distanz“ nahm sie sich eines Psychopathen an, der im Park wahllos Menschen erschoss, ohne dass ihm die Polizei auf die Schliche zu kommen vermochte. Die Arbeitskollegin des Gärtners ignorierte zunächst die Anzeichen einer schizoiden Störung und war ihm auch noch bedingungslos ergeben, als sie seine Abgründe entdeckte. Eine unmögliche Beziehung ohne Zukunft, die Weisz zwischen nervöser Wachsamkeit und verzweifelter Selbstkontrolle auskostete.

Nur ein Jahr später gab es ein Wiedersehen, diesmal im Wettbewerb der „Berlinale“. Und fast glaubte man an ein Déjà-vu, fand sich Weisz doch erneut an der Seite eines einzelgängerischen Härtefalls. In Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ musste sich die Männerflüsterin damit begnügen, besänftigend auf einen so schweigsamen wie getriebenen Marathonläufer einzuwirken, der trotz ihrer Fürsorge nach einer abgesessenen Haftstrafe erneut in die Kriminalität abrutschte. Die Liaison aus Extremist und dem mitfühlenden Reh ging trotzdem auf, lieferten sich doch Andreas Lust und die Weisz ein großartiges Duell sich ausschließender Emotionen.

Was nach diesem vielversprechendem Auftritt mit Kinderfilmen wie „Tom und Hacke“ oder der unseligen Komödie „Unter Frauen“ folgte, machte stutzig. Weisz drohte, mit der wahlweise auch als gegen den Strich zu lobenden Rollenwahl, sich ihr hart erarbeitetes Image einer Charakterdarstellerin ohne Not zu verspielen. Ihr letzter Streich spricht zum Glück wieder eine andere Sprache: Mit Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“, der inzwischen dritten gemeinsamen Arbeit, fand sie im Wettbewerb der „Berlinale“ zur alten Stärke zurück und bewies einmal mehr den Mut zu zweifelhaften Frauenfiguren. Als streng religiöse Mutter von vier Kindern war die damals 33-Jährige in ihrer bigotten Aufmachung nicht nur kaum wiederzuerkennen. Endlich konnte sie auch ihr Spektrum erweitern, ohne vor den Zumutungen eines unterforderten Talents zu kapitulieren. Chapeau!