Fischerin im Strom der Gefühle

Spielwütig (VIII): Die Schauspielerin Susanne Wolff

Alexandra Wach, FILM-DIENST 3/2014


Mit in sich vergrabenem Blick, angeschwollenen Augen und wild verknoteten Haaren taumelte sie in Emily Atefs bemerkenswertem Frauenporträt „Das Fremde in mir“ durch einen Wald. Das Gestrüpp bot ihr nur für einen kurzen Moment Schutz vor den eigenen inneren Dämonen. Bis tief in die Nacht blieb sie von Erde zugedeckt liegen, in tiefster Schockstarre, abgeschnitten von jeglichem Lebensimpuls. Eine junge Frau am Rande der totalen Erschöpfung, der die Geburt ihres ersten Kinds einen Schlag in die Magengrube verpasst hatte. Wut, Gleichgültigkeit und Verzweiflung wechselten sich im Verlauf des intimen Entfremdungsdramas im hoch konzentrierten Gesicht von Susanne Wolff ab, als gelte es, die ganze ambivalente Emotionsskala des Einschnitts Mutterschaft zu durchleben. Das atemberaubende Solo einer bereits reifen Schauspielerin, die 2008 durchzustarten schien. Zeitgleich kam „Die Glücklichen“ von Jan Georg Schütte ins Kino, ein Ensemblefilm. Susanne Wolff spielt darin eine von sich selbst eingenommene Kunsthändlerin, die mit alten Schulfreunden ein Wochenende am See verbringt. Nach dem Abgleich der Lebensentwürfe gerät alles aus den Fugen. Am Ende fallen alle Masken, und auch Susanne Wolffs Figur erweist sich als Meistertäuscherin, die hinter der aggressiven Schutzschicht ein unbekanntes, zartes Wesen verbirgt.

Im Theater war die damals 35-Jährige längst auf dem Weg zum vielgefragten Star; ein Jahr später folgte das Engagement am Deutschen Theater in Berlin, wo sie nur die Konkurrenz von Nina Hoss fürchten musste, eine ebenbürtige Ausnahmeerscheinung im gleichen Fach der so selbstbewussten wie unnahbaren Einzelgängerin. Wolff spielte Penthesilea, Maria Stuart und schlüpfte gelegentlich auch in Männerrollen. Trotz ihrer makellos filigranen Physiognomie irritierte sie gelegentlich mit ihrer tiefen Stimme und mit Bewegungen, die fast maskulin wirken. Die 1973 in Bielefeld geborene Tochter eines Fräsmaschinen-Vertreters und einer Hausfrau wuchs mit zwei Brüdern auf, die ihr nach eigenen Angaben reichlich Komplexe eingeredet haben. Sie studierte Literatur, Geschichte und Philosophie in Bielefeld, brach ab und ließ ein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover nachfolgen. Ihr Auftritt in Jürgen Flimms Inszenierung von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ verhalf ihr auf Anhieb zu einem Engagement am Thalia Theater Hamburg, das bis 2009 fortdauerte.

Zunächst sah es so aus, als liefe auch vor der Kamera alles nach Plan. Einem Borowski-„Tatort“ folgte die Fernseh-Trilogie „DreiLeben“ von Christian Petzold, Christoph Hochhäusler und Dominik Graf. Graf besetzte sie in dem zweiten Teil „Komm mir nicht nach“ in der Rolle der Jugendfreundin einer Polizeipsychologin, die vor der Kulisse einer bröckelnden Villa im Thüringer Wald ihrer gemeinsamen Liebe zum selben Mann auf die Spur kommt. Ein Frauen-Duell mit Jeanette Hain, das trotz aller Mühen um die psychologische Verarbeitung der Wiedervereinigung und einer enervierend lebhaften Susanne Wolff keinen bleibenden Nachhall hinterließ. Zeitgleich versprach „Fenster zum Sommer“ von Hendrik Handloegten ein fulminantes Stelldichein mit den Generationskollegen Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt und Lars Eidinger. Das finnische Mittsommermärchen erwies sich als angestrengter Science-Fiction-Hybrid, der Susanne Wolff kaum Raum zu einer ihrem Kaliber entsprechenden Entfaltung ließ.

Mit der Hauptrolle im Fernseh-Drama „Mobbing“ bewies sie zuletzt an der Seite von Tobias Moretti, dass sie mit Wucht zurückkehren kann, als eine von den Gerüchten und Demütigungen, die sich um ihren im Job angefeindeten Ehemann rankten, angeschlagene, zunehmend nervös um seine Würde kämpfende Mitbetroffene, deren Privatleben im Finale einem Scherbenhaufen gleicht. Eine Achterbahn der Gefühle, die ihr nicht nur den verdienten Deutschen Fernsehpreis 2013 einbrachte, sondern endlich auch eine strahlende Kinoherausforderung bescheren sollte. Vielleicht entpuppt sich ja als solche Benjamin Heisenbergs „Über-ich und Du“, mit dem Susanne Wolff auf der „Berlinale“ 2014 vertreten ist.