Im Adrenalinstrom

Spielwütig (XXX): Über den Theater- und Filmschauspieler Benjamin Lillie

Alexandra Wach, FILM-DIENST 26/2016


Am Theater hat er bereits Romeo und Woyzeck gespielt, im Fernsehen schlüpfte er in die vermeintlich dicke Haut eines arroganten Nachwuchsbankers, und sein Kinodebüt gibt er demnächst im neuen Film von Florian Henckel von Donnersmarck, „Werk ohne Autor“. Ist der 31-jährige Benjamin Lillie der Schauspieler der Stunde?

Kaum ist seine Figur in Marc Bauders Ausnahme-Fernsehfilm „Dead Man Working“ eingeführt, fällt sie unterzuckert in Ohnmacht. Das passiert jungen Männern, die sich mit Haut und Haar ihrem Beruf verschreiben, könnte man denken, ginge es nicht um ein überarbeitetes Mathematik-Talent, das seine Fähigkeiten rücksichtslosen Investmentbankern zur Verfügung stellt. Benjamin Lillie ist mit seiner makellosen Model-Erscheinung eines vom Leben privilegierten Bürgersohns die perfekte Besetzung für die Rolle dieses „High Potential“, der sich einzig der Beweisführung seiner Zugehörigkeit zum Elite-Club mächtiger Finanz-Jongleure verschrieben hat. Auf Vernetzung mit Gleichaltrigen legt der Überflieger keinen Wert. Zu sehr ist er von seiner eigenen und der Grandiosität seines Mentors überzeugt. Als dieser nach seinem größten Coup unerwartet vom Dach springt, bekommt das Narrativ vom nicht zu bremsenden Aufstieg Risse. Der Schüler des Investmentbankers glaubt nicht an einen Suizid. Er beginnt mit eigenen Nachforschungen und sieht seine Planung von einer Muster-Karriere implodieren.

Lillie spielt den Wandel vom Adrenalin-Junkie zum mal vergrübelten, mal aggressiven Zweifler, der im rasenden Tempo das System durchschauen muss, auf das er sich trotz Bankenkrise eingelassen hat, keineswegs als verkappten Idealisten. Das Staunen darüber, dass sein Vorbild gleich mehrere Masken getragen haben muss, weicht ihm zwar nicht vom Gesicht. Auch nicht, als ihm das ganze Ausmaß der Machtspiele bewusst wird, aus denen er seinen eigenen Profit rechtzeitig rauszuschlagen weiß. Mit wenigen sparsamen Gesten und Blicken vermittelt er die ganze Welt seiner Figur, die den neoliberalen Zeitgeist bis in die letzte Hirnrinde verinnerlicht hat. Aufklären, die Story als Insider an die Presse verkaufen? Dafür ist er zu sehr von der Gewinner-Mentalität infiziert. Selbst Widerstand muss sich für ihn persönlich lohnen. Mögen doch ganze Volkswirtschaften in den Abgrund schauen und die globalen Populisten an Aufwind gewinnen. Der Teufelspakt lässt sich nicht mehr auflösen.

Wie Lillie das Karussell vom fürstlich bezahlten, aber letztlich naiven Handlanger zum „Sündenbock“ und „Aussteiger“ mit Millionen-Abfindung absolvierte, verschlug den Atem. Nach diesem Desillusionierungswaschgang kann man sich diesen Abgänger der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig und seit 2013 Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters Berlin auch auf internationalem Parkett vorstellen – als eine Mischung aus skrupellos-empfindsamem Hamlet und eiskalt-schönem Alain Delon? Da ist wohl noch Luft nach oben.

Der erste Schritt dahin ist bereits getan: mit einer Nebenrolle in Florian Henckel von Donnersmarcks neuem Film über den Maler-Star Gerhard Richter, „Werk ohne Autor“. Aus dem Stand heraus und ganz ohne Umwege über die üblichen „Tatort“-Stationen trifft Benjamin Lillie hier auf Kollegen wie Sebastian Koch, Tom Schilling, Paula Beer oder Lars Eidinger. In diesem Adrenalinstrom lässt es sich wahrlich mit Gewinn auf die erste große Kinorolle warten.

Benjamin Lillie

Geb. 1985 in Siegburg. 2004 erste Theatererfahrungen bei Theaterprojekten am Theater Bonn („Reality Bites“) und der Kulturabteilung „Bayer im Erholungshaus“ in Leverkusen. Studium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig.

In der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied am Schauspiel Leipzig. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er Ensemble-Mitglied am Deutschen Theater Berlin. (Quelle: Deutsches Theater Berlin)