Im Labyrinth der Geschichte

Spielwütig (XV): Der Schauspieler Alexander Fehling

Alexandra Wach, FILM-DIENST 22/2014


Zuletzt war er zu sehen, wie er seinen Schutzengel loszuwerden versuchte und als Spielball höherer Mächte in einem Chaos aus absurden Situationen verschwand – mitten in die entfesselte Komödienwelt von Bully Herbig hinein: In „Buddy“ übernahm Alexander Fehling, 1981 in Ost-Berlin geboren, einen Part, der sich in seiner bisherigen Rollenauswahl wie ein zentnerschwerer Fremdkörper anfühlte. Ein Ausrutscher, den sich das Energiebündel mit der blauäugig strahlenden Aura des jungen Paul Newman hoffentlich nicht allzu oft gönnt. Es wäre zu schade um die Reputation eines Nachwuchstalents, das bisher eigentlich alles richtig gemacht hat, um irgendwann über die Grenzen des deutschen Mainstream-Kinos hinweg auch auf der internationalen Bühne zu reüssieren.

Ob ihn Quentin Tarantino für einen Auftritt in seinen „Inglourious Basterds“ ausfindig gemacht hätte, wenn sich der Radius des Abgängers der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch aufs publikumswirksame Grimassieren beschränkt hätte? Hätte 2013 das britische (Fernseh-)Drama „Ruhelos“ mit Charlotte Rampling in der Hauptrolle mit der Besetzung als deutscher RAF-Terrorist gewinkt? Oder wäre der Ruf von Peter Stein erfolgt, der ihn 2007 im „Wallenstein“ zum Max Piccolomini kürte?

Schon seine erste Kino-Hauptrolle in „Am Ende kommen Touristen“ von Robert Thalheim war das Gegenteil einer Sternschnuppe mit Halbwertszeit. Der damals 25-Jährige glänzte als desorientierter Zivildienstleistender mit einer frühreifen und körperbetonten Schauspielkunst, die jede Gefühlsregung ohne Worte zu transportieren wusste: in den Augen bald die tiefe Verletzlichkeit eines Kindes, bald der gelangweilte Hochmut der Jugend, die in dem Umfeld des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz das Grauen an ihrer Jetztbezogenheit abprallen lässt und trotzdem nicht umhinkommt, sich der Schuld vergangener Generationen stellen zu müssen.

Nicht von ungefähr folgten nach diesem facettenreichen Auftritt Nebenrollen in Prestige-Produktionen wie „Buddenbrooks“ oder dem international besetzen Politthriller „Sturm“, Anzeichen einer Wertschätzung, die nach dem Ausflug ins Coming-of-Age-Genre von „13 Semester“ einen Dämpfer bekam. Der Beau als vorhersehbarer WG-Womanizer, der sich statt zu studieren ein schönes Leben macht, hinterließ Kratzer der Enttäuschung, die sich aber dank „Goethe!“ von Philipp Stölzl vorerst in Luft auflösten. Als reitender Popliterat bewies Fehling, dass er mit seiner unbeschwerten Präsenz einer Ausstattungsorgie auf den etwas klischeehaften Spuren von Sturm und Drang so etwas wie erotisierenden Charme abtrotzen kann.

Dann kam Andreas Baader in „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel, eine Rolle, an der schon Ulrich Tukur, Sebastian Koch, Frank Giering oder Moritz Bleibtreu vor ihm scheiterten. Fehling versuchte es mit optischer Verwandlung, dunkle Haare, Kajalstift. Nicht jeder Ton stimmte, vor allem die vulgäre Pose des Life-Style-Revolutionärs wollte ihm nicht gelingen, aber das Unberechenbare seiner hastigen Bewegungen elektrisierte. An der Seite von August Diehl und Ronald Zehrfeld fuhr er ein Jahr später in dem DDR-Drama „Wir wollten aufs Meer“ zur Hochform auf, ein Dream-Team des deutschen Kinos, dessen Zusammentreffen einem Erstlingsregisseur zu verdanken war. Das gilt auch für Fehlings jüngstes Epos aus dem dankbaren Reservoir der deutschen Geschichte. Eigentlich verblüffend, dass es eines Schauspielers mit Regieambitionen bedurfte, um die Aufklärungsleistung von Fritz Bauer, dem Initiator der Auschwitz-Prozesse, auf die Leinwand zu bringen. Giulio Ricciarelli hat es jetzt mit „Im Labyrinth des Schweigens“ getan und kann sich auf einen Hauptdarsteller verlassen, für den das Eintauchen in vergangene Epochen inzwischen zu einem Markenzeichen geworden ist.

Als Staatsanwalt bezieht Fehling an der Seite von Bauer Stellung gegen das Geflecht aus Verdrängung und Leugnung der Adenauer-Ära. Ein junger Mann, der Rückgrat zeigt und im Blitztempo altert. Ganz ohne Nachhilfe eines Schutzengels. Ein Vollblutschauspieler wie Fehling kann mit diesem Spielstand zwischen sensiblen Charakterrollen in Geschichtslektionen und wenigen Unterhaltungseskapaden vermutlich gut leben.

Spielwütig

Das Porträt zu Alexander Fehling ist der 15. Beitrag unserer Reihe „Spielwütig“ von Alexandra Wach. Nach einem einleitenden Grundsatzartikel sind bisher erschienen:

(I): Anne Müller (FD 18/13)

(II): Ronald Zehrfeld (FD 19/13)

(III): Nora von Waldstätten (FD 20/13)

(IV): Mark Waschke (FD 22/13)

(V): Jasna Fritzi Bauer (FD 24/13)

(VI): Anne Ratte-Polle (FD 26/13)

(VII): Jakob Diehl (FD 1/14)

(VIII): Susanne Wolff (FD 3/14)

(IX): Jacob Matschenz (FD 5/14)

(X): Julia Hummer (FD 9/14)

(XI): Franziska Weisz (FD 11/14)

(XII): Robert Gwisdek (FD 14/14)

(XIII): Alina Levshin (FD 16/14)

(XIV): Henriette Confurius (FD 18/14)

(XV): Alexander Fehling (FD 22/14)