Jungfang

Spielwütig (XXV): Über die junge Schauspielerin Lea van Acken

Alexandra Wach, FILM-DIENST 5/2016


Mit 17 Jahren hat Lea van Acken bereits die Hauptrollen in zwei Kinofilmen ergattert – und sich zudem noch in die US-Serie »Homeland« eingeschmuggelt. In Dietrich Brüggemanns »Kreuzweg«(Kritik) spielte sie die Tochter einer Familie, die sich in eine erzkatholische Priesterbruderschaft zurückgezogen hat und erntete damit im Wettbewerb der »Berlinale« viel Applaus. Auch der zweite Spielfilm fordert ihr dramatische Qualitäten ab: Als Anne Frank schwankt sie in Hans Steinbichlers »Das Tagebuch der Anne Frank«(Kritik) zwischen dem Spieltrieb heranwachsender Mädchen und einer Zukunft, die sich ihr niemals öffnen wird.

Ist die ganze Erde ein Grab, oder ist sie ein verbotener Garten? Man versteht sofort, was Hans Steinbichler dazu bewogen hat, die Rolle der Anne Frank mit Lea van Acken zu besetzen. Sicherlich nicht ihre ersten Gehversuche bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg oder ihr Typus einer deutschen Kindsfrau à la Audrey Tautou. Schon eher der kometenhafte Start in den Beruf, der nur den wenigsten in dieser Ernsthaftigkeit gelingt.

In ihrem Kinodebüt »Kreuzweg« verhinderte religiöser Fanatismus, dass ihre Figur Flügel bekam. Von einem normalen Teenagerleben konnte die 14-jährige Maria nur träumen. Den Alltag ertrug sie als Spießrutenlauf zwischen Verboten und satanischen Verlockungen, die in den harmlosesten Situationen stecken konnten. Ein Schleier aus Einsamkeit schwebte über ihrem frühreifen Blick, dem ebenen Schneewittchen-Gesicht, das in ein Umfeld der permanenten Ich-Löschung eingesperrt worden ist. Was Lea van Acken aus dieser Chance machte, war ein schauspielerisches Wunder. Sie wurde vom unterdrückten Kummer regelrecht zermalmt. Der seelische Missbrauch vergiftete jeden ihrer Blicke. Obwohl 1,70 Meter groß, schien sie immer kleiner und zierlicher zu werden, das blasse Gesicht zur Maske erstarrt.

In der Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank darf sie jetzt doch noch lautstark aufbegehren: gegen die Kontrolle ihrer Eltern, die verrückt gewordene Außenwelt, die ihr das Recht auf eine sorgenfreie Entwicklung verwehrt. Wieder ist sie eingesperrt, aber diesmal bieten die engen Wände des Hinterhofverstecks Schutz, sind eine Garantie dafür, sich die eigene, zart aufkeimende Identität erhalten zu können. Van Acken ist das Zentrum des unfreiwilligen Kammerspiels, um das sich alles dreht. Immer wieder schaut ihr mal kindliches, mal frühreifes Gesicht die Kamera an, teilt ihr, wie einer guten Freundin, die deprimierenden Beobachtungen mit und die Tränen, die auch gegen ihren Willen kommen. Für die Rolle musste sie sich die Haare abrasieren lassen. Eine Nichtigkeit im Vergleich zu dem Gefühlskarussell, das man mit ihr gemeinsam so lange absolviert, bis kein Geheimnis mehr übrig bleibt, sich das nackte Unrecht eines vorzeitig abgeschalteten, überaus begabten Lebens, ins Gedächtnis gräbt.

Es wird nicht leicht sein, nach dieser Rolle wieder zur Tagesordnung überzugehen. Auch Julia Jentsch war einmal eine Expertin für rebellische »Mädchen« und muss sich jetzt mit leiseren Tönen begnügen. Lea van Acken hat parallel zwei Fernsehfilme gedreht, einen davon immerhin unter der Regie von Andreas Kleinert. Und sie war eine von den 74 deutschen Schauspielern, die an einer in Berlin angesiedelten »Homeland«-Staffel beteiligt waren. Immerhin waren auch Größen wie Nina Hoss, Sebastian Koch oder Martin Wuttke mit von der Partie. Fangen so große Karrieren an? Oder kommt jetzt erstmal eine Lehrzeit, die auch die Theaterbretter bereithält? Das kann man nur hoffen – denn Lea van Acken wäre als deutscher Serien-Darling wahrlich eine Vergeudung.