Karrierekind

Spielwütig (XXII): David Kross bereichert Filme mit seinem natürlichen Kraftzentrum

Alexandra Wach, FILM-DIENST 15/2015


Auf den ersten Blick passt seine eher durchschnittliche Erscheinung nicht in die Kategorie Film-Star. Ein norddeutscher Provinzjunge ohne Eigenschaften, dem man kein Bedürfnis nach Verwandlung zutraut. Auch nicht auf den zweiten und dritten Blick in den Filmen von Detlev Buck, durch die er entdeckt wurde, und selbst in Stephen Daldrys »Der Vorleser«, der ihn international bekannt machte. David Kross ist nicht der Prototyp des draufgängerischen Helden. Und doch, wenn er vor der Kamera steht, traut man seinen Augen nicht, wie er den Anderen mit seiner implodierenden Emotionalität die Schau stiehlt. Ganz egal, ob er einen sozial gebeutelten Jugendlichen aus Neukölln, einen Waisenjungen aus dem Dreißigjährigen Krieg oder das Versuchskaninchen einer dubiosen Resozialisierungsanstalt spielt, die ihm das Gedächtnis raubt.

Denn David Kross ist nicht das perfekte Opfer, das auf Druck mit Rückzug reagiert. Er leidet, teilt aber auch aus. Und stets ist da die Möglichkeit einer unerwarteten Wendung. Zum Kämpfer, der keine Tränen und Schläge scheut. Zum Opportunisten, der innerlich versteinert. Zum Fahnenflüchtling, der alle Erwartungen ignoriert. Es braucht nur eine Ausnahmesituation auf Leben und Tod, und dem verhuschten Schlafwandler entströmt eine ganze Skala widersprüchlicher Reaktionen, die nichts mehr damit zu tun haben, wofür man ihn gerade noch hielt.

In Bucks »Knallhart« (2006) bewies der damals 15-Jährige nach einigen Kurzauftritten vor der Kamera bereits ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in eine Figur, die durch die Hölle eines von Migranten geprägten Stadtteils ging. Brutale Jugend-Gangs, Kleinkriminelle und Dealer stellten hier ihre eigenen Regeln auf und gierten danach, einen Jugendlichen mit dem Gesicht eines Unschuldslamms für ihre Zwecke einzusetzen. Das Überlebensmartyrium führte Kross an die Grenzen seiner Menschlichkeit. War aber zugleich auch ein dankbares Katapult, das ihm einen Blitzaufstieg in Aussicht stellte.

Zunächst sah es so aus, als würde ihm die Kinowelt alle Türen öffnen. Weswegen Kross auch das Abitur und eine Schauspiel­ausbildung in London hinschmiss. Parallel zu Marco Kreuzpaintners an der Kinokasse erfolgreicher Romanverfilmung »Krabat« (2008), die ihm die Gelegenheit bot, sich im historischen Gewand eines Zauberlehrlings im Fantasy-Genre auszuprobieren, ließ seine Besetzung in Stephen Daldrys Adaption des Bernhard-Schlink-Bestsellers »Der Vorleser« auch außerhalb Deutschlands aufhorchen. So schnell hatte es wohl ein Jung-Schauspieler noch nie an die Seite einer Kate Winslet geschafft. Wieder mal wirkte Kross, als hätte man ihn versehentlich von der Straße weg in die Rolle des pubertierenden Liebhabers einer doppelt so alten Analphabetin gesteckt, der erst als späterer Jura-Student von ihren Taten als KZ-Aufseherin erfährt. Der Rolle tat sein ahnungsloses Staunen, perfekt dosiert und mit einem Hauch von Selbstzweifeln verstärkt, mehr als gut. Und auch die anschließend mit einem »Oscar« prämierte Kate Winslet profitierte von seiner jungfräulichen Frische.

Natürlich bescherte ihm auch dieser Auftritt hochkarätige Verehrer. 2011 spielte er in Hans Steinbichlers Drama »Das Blaue vom Himmel« neben Hannelore Elsner und Juliane Köhler. Zugleich winkte Hollywood mit der Nebenrolle eines Deserteurs in Steven Spielbergs »Gefährten«. Gemeinsam mit den überwiegend britischen Schau­spielern, darunter Peter Mullan, Emily Watson, David Thewlis und Benedict Cumberbatch, lernte Kross Reiten und sah sich mit einer Großproduktion konfrontiert, die den Ersten Weltkrieg mit Sinn für Schlachtengigantomanie inszenierte. Nach diesem Ritterschlag tauchte er in zwei Kinofilmen pro Jahr auf, von Bucks »Die Vermessung der Welt« über die europäische Großproduktion »Michael Kohlhaas« bis zur französischen Neuverfilmung von »Angélique«, aber eine relevante Hauptrolle ließ trotzdem auf sich warten. Dass seine neueste Mitwirkung an »Boy 7« zu mehr als einer Fingerübung im Thriller-Genre taugt, ist zu bezweifeln. Der immer noch jungenhaft wirkende Mittzwanziger spielt darin einen 18-Jährigen, der auf den Verlust seiner Erinnerungen mit der Suche nach der Vergangenheit reagiert, die sein altes Ich in einem Tagebuch festgehalten hat.

Ein junges Zielpublikum im Visier, hetzt die Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuchs unter der Regie von Özgür Yildirim (»Chiko«) einer Dystopie entgegen, in der straffällige Jugendliche einer obskuren Institution ausgeliefert sind, die sie durch Psycho-Experimente und eine körperbetonte Elite-Ausbildung gefügig zu machen versucht. David Kross als Teenie-Action-Held, dem von finsteren Mächten übel mitgespielt wird? Eigentlich eine Verschwendung. Aber wer möchte schon einem Karrierekind, das sich trotz allen Erfolgs stets alle Allüren verkniffen hat, die Lust am Ausprobieren verübeln? Also her auch mit einer Komödie, denn die fehlt noch in Kross’ Spektrum. Solange er sich die Fähigkeit erhält, seine Filme als natürliches Kraftzentrum zu bereichern, lässt man seine immer wieder mal glamouröse Lernzeit gerne mindestens bis zum 30. Geburtstag in die Verlängerung gehen.