Märchenprinzessin auf Abwegen

Spielwütig (III): Nora von Waldstätten

Alexandra Wach, FILM-DIENST 20/2013


Eine blasshäutig graziöse Baronesse mit kristallblauen Katzenaugen und rauchig tiefer Stimme, die eine bildungsferne Bewohnerin des Berliner Brennpunkts Wedding spielt. Geht das? In der von 3sat, Arte und zdf.kultur co-finanzierten Neuinterpretation von Georg Büchners Bühnenklassiker „Woyzeck“, die im Oktober im Fernsehen zu sehen sein wird, schafft Nora von Waldstätten unter der kluge Akzente setzenden Regie von Nuran David Calis mühelos den Spagat. Dass sie an der Seite des mit seiner Rolle delirierend verschmelzenden Tom Schilling nicht wie ein Fremdkörper aus einer fernen Elfenwelt wirkt, liegt nicht nur an der gelungenen schichtenspezifischen Kostümierung und einem prekären Umfeld, in dem ihre Figur der Marie einiges an Erniedrigungen zu erdulden hat. Es ist die tief nachempfundene innere Zerrissenheit, die ihren ganzen Körper zu erschüttern scheint, zwischen dem Wunsch nach Erlösung aus einer einengenden Armut und der stummen Loyalität zu ihrem sich aufopfernden Geliebten, mit der sie überrascht und sich in das mitunter mehr als authentisch gecastete Ensemble einfügt.

Gleich am Anfang ihrer Karriere drohte die 1981 geborene Wienerin, die einem alten Adelsgeschlecht entstammt, in einer Schublade stecken zu bleiben. Noch während ihres Studiums an der Universität der Künste in Berlin besetzte sie Christoph Hochhäusler in seinem Film „Falscher Bekenner“ als unerreichbare Schönheit, die mit den Gefühlen des spätpubertierenden Helden spielt. Der „Tatort“-Krimi „Herz aus Eis“ griff wenig später die einmal gelegte Fährte dankbar auf. Von Waldstätten durfte in einem Internat als ihre Mitschüler gewissenlos meuchelnde Eliteschülerin auftrumpfen, was ihr in einer „FAZ“-Kritik den lange nachhallenden Titel einer „klirrend kalten Eiskönigin“ einbrachte.

Ihr kurzer Auftritt in Maximilian Erlenweins Debüt „Schwerkraft“ schuf trotz der Auszeichnung für die beste Nachwuchsdarstellerin beim Festival „Max- Ophüls-Preis“ nur bedingt Abhilfe. Die Besetzung als einsame Großstädterin, die den Avancen ihres ihr jahrelang heimlich nachstellenden Ex-Geliebten nachgibt und seinem brutalen Amoklauf mit dem ambivalenten Mitgefühl einer geplagten Seele begegnet, bewies immerhin den Willen zum Rollenwechsel. Auch dem Debütanten Marc Rensing fiel in „Parkour“, dem bemerkenswerten Porträt eines psychisch labilen Extremsportlers, vor lauter Testosteronüberschuss nichts anderes ein, als Nora von Waldstätten den klassischen Part der Verursacherin eines psychotischen Eifersuchtswahns zuzuweisen, weil sie nicht etwa fremdgegangen war, sondern mit ihren Studienplänen die Minderwertigkeitskomplexe des Gerüstbauers befeuert hatte. Intelligent und attraktiv, für manche immer noch eine echte Männerfalle.

Im Jahr 2010 dann der verdiente Sprung aufs internationale Parkett. In der Großproduktion „Carlos - Der Schakal“ brillierte sie optisch verwandelt im Fach einer realen Person, als Magdalena Kopp, eine dem Top-Terroristen hörige Komplizin, die Dokumente fälschte und die Transporte im Hintergrund organisierte, aber auch manch eine körperliche Auseinandersetzung mit dem tyrannischen Gatten durchzustehen hatte. Das blutige Epos von Olivier Assayas feierte beim Festival in Cannes Premiere, und eine Zeit lang sah es fast so aus, als könnte die Österreicherin ihrer Wahlheimat Berlin abhanden kommen. Stattdessen folgten Gastspiele in TV-Krimis, der Familiensaga „Das Adlon“, der Verfilmung der „Spiegel-Affäre“ durch Roland Suso Richter und der diesjährige Thailand-Trip zum Dreh des Kinderfilms „Fünf Freunde 3“ – allesamt krisenfeste, aber auch wenig ergiebige Überwinterungsplätze. Muss man sich etwa um Nora von Waldstätten Sorgen machen? Immerhin bieten ihr ihre Landsleute ein adäquates Leinwandasyl: Das Drama „Oktober November“ von Götz Spielmann („Revanche“), das seine Weltpremiere auf dem aktuellen Toronto International Film Festival feierte und im diesjährigen Wettbewerb von San Sebastián läuft, gönnt ihr zur Abwechslung eine Auszeit vom Beziehungsstress. Als erfolgreiche Schauspielerin kehrt sie in das Alpendorf ihrer Kindheit zurück, in das ehemalige Gasthaus, das von ihrer älteren Schwester und dem nach einem Herzinfarkt kränkelnden Vater bewohnt wird. Alte Konflikte reißen wieder auf und ein Geheimnis, das der Patriarch sorgfältig gehütet hatte, sucht sich seinen Weg an die Oberfläche vereister Gefühle. Eine perfekte Bühne für jemanden, der die Nähe zur Kälte meisterlich zu vermessen weiß. Bei aller Freude an ihrer düster abgründigen Grandezza – möge der Winter nicht zu lange verweilen. Es wäre zu schade um das strahlende Lachen dieser sträflich unter Wert gehandelten Märchenprinzessin, das bisher definitiv zu kurz gekommen ist.

Filmografie:

Die Tore der Welt

Dt./Kan./GB 2011. Regie: Michael Caton-Jones. TV-Mehrteiler nach Ken Folletts Roman.

Carlos - Der Schakal

Fr./Dt. 2010. Regie: Olivier Assayas. Filmbiografie des Linksterroristen Ilich Ramírez Sánchez („Carlos“).

Parkour

Dt. 2009. Regie: Marc Rensing. Spielfilm über die Extremsportart.

Schwerkraft

Dt 2008. Regie: Maximilian Erlenwein. Buddy-Movie um einen Banker und einen Einbrecher.

Tangerine

Dt./Mar. 2008. Regie: Irene von Alberti. Clash zweier Lebenswelten.

Falscher Bekenner

Dt. 2005. Regie: Christoph Hochhäusler. Intensive Studie einer Identitätssuche.