Magie einer Kriegerin

Spielwütig (XIII): Die Schauspielerin Alina Levshin

Alexandra Wach, FILM-DIENST 16/2014


Auf dem Weg zur ebenso lästigen wie intelligenten Jura-Praktikantin im Erfurter »Tatort«-Krimi hat die in der Ukraine geborene Alina Levshin beachtliche Extremrollen absolviert. Die Spuren, die sie dabei in unserem Gedächtnis hinterlassen hat, sind die einer unerschrocken emotionalen Grenzgängerin.

Sie läuft gehetzt durch Berlin, die Russen-Mafia lässt sie nicht aus den Augen: eine junge Ukrainerin, die gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen wird. Sie beobachtet, passt sich an und wird erwachsen. Ihr Überlebenswille ist enorm. Die markanten Augen können blitzschnell die »Temperatur« zwischen scheuem Reh und wutentbrannter Walküre wechseln. Und doch bleibt da unter der abgebrühten Oberfläche auch die Sehnsucht, die Zeit zurückzudrehen, wieder die zu werden, die sich nicht den zwischenmenschlichen Abgründen stellen musste. In Dominik Grafs Fernsehserie »Im Angesicht des Verbrechens« fällt Alina Levshin, 1984 in Odessa geboren und als Sechsjährige mit ihren Eltern nach Berlin gezogen, der Part der Klischee-Hure zu. Bereits ihre erste Fernsehrolle in der ZDF-Serie »Rosa Roth« war die einer ukrainischen Sex-Arbeiterin. Sie macht aus der erschreckend einfallslosen Rollenzuweisung das Beste, überzeugt mit einem nuancenreichen Spiel – schließlich hat sie im Kinder-Ensemble des Friedrichstadt-Palasts mitgemischt und diesem Frühtraining eine Ausbildung an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF folgen lassen.

Ein Jahr später beweist sie, dass in ihr mehr steckt als nur die »Rotlicht-Slawin vom Dienst«: Im Kinofilm »Kriegerin« gelingt ihr der große Durchbruch. Ihrer Figur des vor Hass überkochenden Skinhead-Mädchens möchte man nicht in einem Vorort-Zug begegnen, wo es Andersaussehende terrorisiert und dabei die Gewaltbereitschaft seiner männlichen Neonazi-Begleiter überbietet. Obwohl nur Kassiererin in der ostdeutschen Provinz, fühlt sie sich zu Höherem berufen. Sie ist auf eine verquere Art emanzipiert und zu aufgeweckt, um sich mit ihrer perspektivlosen ­Existenz abfinden zu können. Alina Levshin nutzt ihre Chance, schlüpft mit Kopf und Haar in die Extrem-Rolle und zeigt sich von einer Seite, die nur wenige aus sich herauspressen können. Zuletzt war ein ähnlicher Parforceritt Hannah Herzsprung in »Vier Minuten« gelungen.

Was macht der deutsche Film mit einem solch vielseitigen Talent? Er überschüttet es zuerst mit Preisen, um es dann im Fernsehen zu versenken. Während Hannah Herzsprung nur noch im Kino zu sichten ist, muss sich Alina Levshin mit dem Wartemodus anfreunden. In der Serie »Unsere Mütter, unsere Väter« war man sich sogar nicht zu schade, sie erneut auf ihre Herkunft zu reduzieren; sie spielt immerhin zur Abwechslung eine Polin. Der Zwangsarbeiterin gelingt auf dem Weg zum Konzentrationslager die Flucht aus einem Viehwaggon. Gemeinsam mit einem der Haupthelden schließt sie sich den polnischen Partisanen an. Ihre Besetzung verdankte die zweisprachige Levshin offenbar ihren Russisch-Kenntnissen, die man kurzerhand für universal einsetzbar innerhalb der slawischen Sprachgruppe hielt. Ihre Aussprache hob sich zwar bedenklich vom Rest der polnischen Schauspieler ab, was aber nicht weiter störte in einem Drehbuch, das ohnehin historisch flexibel mit den Schuldzuweisungen umging. Trotz allem brillierte sie mit jungenhaftem Charme als unerschrockene Kämpferin, die sich in einer Männer-Truppe Respekt verschafft. Zeitgleich entstand der (Fernseh-)Horror-Thriller »Alaska Johansson«: Endlich scherte Alina Levshin aus ihrem bisherigen Image aus und spielte mit Bubikopf und blut­roten Lippen eine Headhunterin, die von ihrem Vater, einem Schönheitschirurgen, im Kindesalter einen Model-Körper verpasst bekam. Das Trauma holt sie auf dem Höhepunkt ihrer ­Karriere ein. Die Folgen sind Wahnvorstellungen in einem Film, der aufs Schönste surreal entgleist.

Der Lohn für das vorbildliche Jonglieren mit Identitäten? Der Aufstieg in den »Tatort«-Olymp, was man als Riesenkompliment verstehen muss. Die seit 24 Jahren in Deutschland lebende ­Berlinerin Alina Levshin darf wieder eine mehr oder weniger ­normale Ermittlerin spielen – im Fernsehen natürlich.

Hinweis

Als aktueller Kinofilm mit Alina Levshin startet im Herbst die Komödie

»Lügen und andere Wahrheiten« von Vanessa Jopp (Kinostart: 11.9.2014).

Einen schönen Auftritt hat Alina Levshin im Video »Die schönste Zeit« von Bosse: www.youtube.com/watch