Magischer Realist

Spielwütig (XVI): Der Schauspieler Max Riemelt

Alexandra Wach, FILM-DIENST 25/2014


Wer mit 13 Jahren sein Fernsehdebüt in einem Film mit dem Titel »Eine Familie zum Küssen« gibt, der ist entweder schnell wieder desinteressiert oder sammelt so viele Erfahrungen, dass er danach in jede Rolle schlüpfen kann. Die Rechnung geht bei dem 1984 in Ost-Berlin geborenen Max Riemelt zwar schon wegen seiner jungenhaften Physiognomie nicht ganz auf; spätestens mit der Rolle eines schwulen Polizisten in »Freier Fall« (2013) hat der Autodidakt aber bewiesen, dass mehr in ihm steckt als nur der »Teenie-Star«, dem am Anfang eine Karriere in unzähligen austauschbaren Fernsehrollen drohte.

Max Riemelt hat die Kurve gekriegt und gehört heute zu den wenigen deutschen Schauspielern seiner Generation, von denen man sich überraschen lassen möchte. Zum Beispiel mit seiner jüngsten Hauptrolle in der Science-Fiction-Produktion »Sense8« aus dem Hause Netflix, dem Streaming-Dienst, der schon die grandiose Polit-Serie »House of Cards« auf die Beine gestellt hat. Mit anspruchsvollen Mehrteilern kennt sich Max Riemelt aus. In Dominik Grafs »Im Angesicht des Verbrechens« (2009) bewegte er sich schlafwandlerisch durch das Milieu der Berliner Russen-Mafia und beeindruckte als abgeklärter Kriminalpolizist mit russischen Wurzeln, der auch schon mal unorthodoxen Untersuchungsmethoden nicht abgeneigt war, dabei aber stets eine betörend »unma-chohafte« Melancholie verbreitete.

Die Regisseurin und Schauspielerin Dana Vávrová holte den 15-jährigen Riemelt zum Film und gab ihm eine Rolle in »Der Bär ist los« (1999). Seitdem wechselt er zwischen den Medien Kino und Fernsehen hin und her. Kinotauglich zeigte er sich auch in der Teenie-Komödie »Mädchen, Mädchen« (2001) sowie in »Napola« (2004), beide inszeniert von Dennis Gansel. An der Seite von Tom Schilling konnte er sich hier, im historischen Kostümfilm, als ein von der Ideologie verführtes Arbeiterkind ausprobieren und eine Auszeit von Fernsehformaten wie »Balko« oder »Wolffs Revier« nehmen. Mit dem sozialrealistischen Nachwendedrama »Hallesche Kometen« kam 2005 Bewegung in sein Repertoire, die ein Jahr später in Dominik Grafs »Der Rote Kakadu« mündete. Graf traute ihm eine Hauptrolle als von der Stasi umworbener Bühnenmaler-Lehrling zu, der sich kurz vor dem Mauerbau entscheiden muss, in welchem System er leben möchte. Allein zwischen 2007 und 2008 ist Riemelt dann an neun Produktionen beteiligt, darunter auch der Ensemblefilm »Die Welle«. Von der Schule als Tatort eines fragwürdigen Sozialexperiments ging es für ihn direkt weiter an die Uni: Als wenig motivierter Student durfte er in »13 Semester« (2009) seine exzessive Party-Seite zur Abwechslung komödienkompatibel unter Beweis stellen.

Gewagt war auch der Wechsel von Grafs »Im Angesicht des Verbrechens« zum Vampir-Thriller »Wir sind die Nacht« (2010), in dem Nina Hoss auf den Spuren von Catherine Deneuves blutigem Auftritt in »Begierde« gegen die an sie gestellten Erwartungen anspielte. Immerhin mimte Riemelt wieder einen Polizisten, der, ausgestattet mit Realitätssinn und großem Herz, einer bedrängten Vampirin zur Hilfe eilt. Der Output der folgenden Jahre ist beachtlich, auch wenn der schmale Grat zwischen Anspruch, Existenz-Sicherung und Arbeitswut nicht immer aufgeht. Ob Mystery-Thriller, Horrorfilm, Afghanistan-Einsatz oder jüdisches Emigrantenschicksal in Jeanine Meerapfels »Der deutsche Freund« (2012): Max Riemelt wechselt unbeschwert die Fronten und arbeitet manisch daran, nicht festgelegt zu werden. Und siehe da, man nimmt es ihm nicht übel, schafft er es doch, die besseren Rollen stets mit einer magischen Wahrhaftigkeit auszufüllen, von der man sich hoffentlich auch am anderen Ende des Teichs mitreißen lässt. /

Hinweis

Aktuell ist Max Riemelt im Kino in »Auf das Leben!« von Uwe Janson an der Seite von Hannelore Elsner zu sehen (vgl. Kritik in FD 24/2014). In der projektierten Science-Fiction-Serie »Sense8« wird Riemelt als einziger Deutscher eine Hauptrolle im Rahmen einer internationalen Besetzung ausfüllen. Als Regisseure werden aktuell Dan Glass, Andy und Lana Wachowski, James McTeigue und Tom Tykwer gehandelt.