Mann mit Eigenschaften

Spielwütig (XVIII): Der Schauspieler Christian Friedel

Alexandra Wach, FILM-DIENST 3/2015


Hier darf man den Kitsch der romantischen Seelenverwandschaft mal getrost vergessen – denn mit diesem Mann ist bestimmt kein herzerquickender Höhenflug zu erleben: Mit starrem Blick, steifem Kragen und vor Selbstgewissheit trunken, leidet er an einer engstirnigen Welt, in der der Tod allemal besser sei als die täglichen Kompromisse. Unbe­irrbar klingt seine Stimme, das selbstgewählte Sterben lohne sich – aber bitte nur im Duett. Christian Friedel, 1979 in Magdeburg geboren, spielt in Jessica Hausners abgeklärt witziger Tragikomödie »Amour fou« einen exzentrischen Jüngling, der auf der Lauer nach einer Begleitdame ist. Begleiten soll sie ihn ins süße Jenseits, wo die Belastung eines Daseins als der verkannte und mittellose Dichter Heinrich von Kleist keine Bedeutung mehr hat. In den Berliner Salons klappert er wahllos mögliche Kandidatinnen ab. Immer wieder stellt er die Frage: »Würden Sie mit mir sterben?« Dies in einem seltsam unaufgeregten Ton, als handle es sich um ein belangloses Spazierangebot.

Eine beachtliche Verwandlung, denn Christian Friedel geizte bisher in Filmen wie »Russendisko« oder »Ende der Schonzeit« weder mit ausgeprägter Mimik noch emotionalen Höhen und Tiefen. Bekanntlich ging Henriette Vogel in die Falle der ausgefallenen Werbungen, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Bei Friedel verwandelt sich der lebensmüde Verlierer in einen egozentrischen Manipulator, der herb enttäuscht ist, als sich herausstellt, dass Henriette tödlich erkrankt ist und ihm deswegen so bereitwillig in den Selbstmord folgen will. Ihre Krankheit interessiert ihn so wenig wie ihre gemächlich ­unreflektierte Weltsicht. Er ist ihr intellektuell um Lichtjahre überlegen, und doch braucht er sie, um seinem Abgang die Note einer grandiosen Singu­larität zu verleihen.

Um die Jahrtausendwende studierte Friedel an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Nach unzähligen Theaterrollen in Hannover und Dresden folgte dann 2009 das Leinwanddebüt als Dorflehrer in Michael Hanekes »Das weiße Band«. Parallel betrieb er seine Karriere als Musiker und Sänger mit der Band Woods of Birnam, die es inzwischen zum Titelsong für Til Schweigers »Honig im Kopf« gebracht hat. Einen ähnlich entschiedenen Charakter wie in Jessica Hausners Kleist-Demontage spielt er aktuell in Oliver Hirschbiegels »Elser – Er hätte die Welt verändert«, der mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde und außer Konkurrenz im Wettbewerb der »Berlinale« 2015 läuft. Die Rolle des erfolglosen Hitler-Attentäters scheint ihm auf den Leib geschrieben. Ein Handwerker, der sich in seinem Dorf von der nationalsozialistischen Ideologie angewidert fühlt, die sich in die Köpfe seiner Nachbarn hineinfrisst. Er kann nicht anders, als zum Außenseiter zu werden. Wenn schon niemand für Freiheit kämpfen will, macht er es 1939 im Alleingang mit einer selbstgebastelten Bombe. Ein Getriebener mit Überzeugung, der unschuldige Opfer in Kauf nimmt, um Millionen das Leben zu retten. Das Gegenteil des verfolgten und untergetauchten Juden in »Ende der Schonzeit«, den Friedel 2013 mit einem fesselnden Spektrum an Eigenschaften ausstattete. Mal eingeschüchtert durch die lebensbedrohliche Abhängigkeit von tumben Bauern, die ihm ein Versteck gewähren, und zugleich feinfühlig genug, um ihre Sorgen zu verstehen. Mal wütend über den Missbrauch, den er ertragen und schließlich mit einer Denunziation bezahlen muss. Nach der Rückkehr aus dem KZ rücksichtslos gegenüber den Rettern, die seine Not für ihre Zwecke ausnutzten. Ein schauspielerisches Wunder, das ihn zum Fachmann für die Ambivalenzen von Widerstand und die Schönheit des Eigensinns kürte. Hoffentlich weiterhin mit Vorliebe im Kostüm.

Filmografie Christian Friedel

2015 »THE WHITE CIRCUS«. Regie: Chris Lavis und Maciek Szczerbowski

2014 »ELSER«. Regie: Oliver Hirschbiegel

2014 »POLIZEIRUF 110 – STURM IM KOPF« (TV). Regie: ­Christian von Castelberg

2013 »AMOUR FOU«. Regie: Jessica Hausner

2013 »DIE AUSERWÄHLTEN« (TV). Regie: Christoph Röhl

2012 »ERBGUT« (Kurzfilm). Regie: Matthias Zuder

2011 »ENDE DER SCHONZEIT«. Regie: Franziska Schlotterer

2011 »RUSSENDISKO«. Regie: Oliver Ziegenbalg

2011 »FREI« (Musikvideo vom Polarkreis 18). Regie: Nora Otte

2010 »POULET AUX PRUNES (HUHN MIT PFLAUMEN)«. Regie: Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud

2008 »DAS WEISSE BAND – EINE DEUTSCHE KINDER­GESCHICHTE«. Regie: Michael Haneke

2005 »RITTER DER TRAURIGEN GESTALT« (Kurzfilm). Regie: Wolfgang Weigl

2004 »HEINZ UND EBERHARD AUF DER SUCHE NACH DEM GOLDENEN EI« (Kurzfilm). Regie: HO

2004 »WÖLFE UND MENSCHEN, DER TEUFEL IST EIN HASE« (Kurzfilm). Regie: Hasko Sadrina

2003 »U 43« (Kurzfilm). Regie: Anna Kuczynski und Wolf Mocikat

2000 »SCHEISSHAUSHANNES« (Kurzfilm). Regie: René Gustus

1999 »BLUMEN LÜGEN NICHT« (Kurzfilm). Regie: Martin Menzel