Mit Käptn Peng auf See

Spielwütig (XII): Der Schauspieler, Sänger und Schriftsteller Robert Gwisdek

Alexandra Wach, FILM-DIENST 14/2014


„Hallo realisier

dass Realität nur ein Traum ist.

Dass Realität nur ein Traum ist.

Dass Realität nur ein Traum ist.

Dass Realität nur ein Traum ist.

Dass Realität nur ein Traum ist.

Der Traum ist echt,

Die Mythen wahr,

Das Ende stirbt,

Der Anfang ist nah.

Der Anfang ist nah.

Der Anfang ist nah...“

(„Der Anfang ist nah“ von „Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi“. Aus der CD „Expedition ins O“, 2013)

Lauernde Melancholie und unberechenbare Beobachtungslust stehen dem Schauspieler ins Gesicht geschrieben. Pardon, Robert Gwisdek, der Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, ist auch erfolgreicher HipHop-Musiker („Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi“), Lyriker, Schriftsteller, Drehbuchautor, Kurzfilmemacher und Möbelbauer. Wie es sich für einen heute 30-jährigen Berliner gehört, spielt er seine Unentschiedenheit zum bohemienhaften Triumph aus.

Gelegentlich kokettiert der stets lässig gekleidete Vielbegabte damit, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen. Einem wie ihm glaubt man es sogar. Nur: Was für ein Verlust wäre seine Verweigerung in einer Generation, der es an intensiven und unprätentiösen Mitspielern nicht gerade mangelt! Jemandem, der schon mit fünf Jahren vor der Kamera stand, dem die Bühne nicht fremd ist und das Fernsehspiel eine scheinbar beiläufige Pflichtkür – vom unverzichtbaren „Tatort“ bis zu einer Folge „Donna Leon“, in der er einen aus dem militärischen Drill ausbrechenden Kadetten mimte („Verschwiegene Kanäle“) –, dem verzeiht man die verfrühten Verschleißerscheinungen. Zumal wenn er jeder Rolle die nötige Portion Ambivalenz verleiht, die sein Spiel zu einem aufregenden Risiko kürt.

In „13 Semester“ (2009) übernahm der Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam/Babelsberg den Part eines Studenten, dem das exzessive Party-Leben seiner Kommilitonen suspekt erscheint. Das gilt offenbar auch für Gwisdek selbst: In Interviews beteuerte er anschließend, rebellische Wildheit hätte nichts mit dem Grad des Alkoholkonsums zu tun. Das glaubt man ihm aufs Wort. Schließlich ist es gerade seine Mischung aus Ernsthaftigkeit, anarchischer Schlagfertigkeit und jungenhafter Fragilität, die seine Figuren so unwiderstehlich macht. In Dietrich Brüggemanns „Renn, wenn du kannst“ (2009) schmetterte er zielsichere Sarkasmen, ließ vor Wut die Funken um seinen verkümmerten Körper schlagen und war in dem Rollstuhl doch nur ein tief verletzter Jugendlicher, der ohnmächtig zusehen muss, wie ihn das Gefühl des Nichtdazugehörens allmählich in einen zynischen Tyrannen verwandelt. In Brüggemanns Ensemble-Komödie „3 Zimmer/Küche/Bad“ (2012)bewies er komödiantische Qualitäten mit einem wahlweise versteinerten oder vergrübelten Gesicht, das er selbst dann aufrechterhielt, als Jacob Matschenz neben ihm beim Fahrradfahren einen nicht abreißenden Strom von Slapstick-Nummern einlegte.

In „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (2012) von Aron Lehmann schlüpfte Robert Gwisdek in die Rolle des bedingungslos visionären Regisseurs Lehmann, dem ein aufwändiges historisches Epos vorschwebt, wäre da nicht der Zwang zur Selbstausbeutung angesichts eines lachhaft winzigen Budgets. Im schwäbischen Allgäu sucht das frustrierte Team allmählich das Weite, und Gwisdek agiert auf den Spuren von François Truffaut in „Die amerikanische Nacht“ als charismatischer Improvisationskünstler, der mit seinem grenzenlosen Enthusiasmus ein ganzes Dorf in seinen Film zu involvieren vermag, ohne Rücksicht auf Verluste und dilettantische Entgleisungen, die ihn zum Schluss als Wiedergeburt des Don Quijote erscheinen lassen. Seine bisher facettenreichste Hauptrolle. Garniert im selben Jahr durch die Nominierung für den Deutschen Filmpreis für die Nebenrolle als Sohn von Katja Riemann und Sebastian Koch in „Das Wochenende“, einem weiteren Film, der sich mit dem RAF-Ballast der nachkommenden 68er-Generation beschäftigt. Ein kleiner Auftritt, der in seiner Wucht freilich den Rest des Ensembles gehörig aus dem Takt bringt. Ein Grund mehr, um der Schauspielerei hoffentlich weiterhin treu zu bleiben.

Weitere Filme (Auswahl)

Weiter als der Ozean 2013

3 Zimmer/Küche/Bad 2012

Die Prinzessin auf der Erbse 2010

Neue Vahr Süd 2010

Lauf um Dein Leben 2007

Grüne Wüste 1999