Spielwütig

Porträt-Serie zu jungen deutschen Schauspielern

Alexandra Wach, FILM-DIENST 18/2013


Spielwütig

Deutschland ist keine Star-Nation. Idole, deren Name ausreicht, um die Massen ins Kino zu ziehen, findet man nur wenige. Dafür gibt es viele gute Schauspieler: Akteure und Aktricen, die wandlungsfähig ihre Rollen zum Leben erwecken und selbst in blasse Filme Farbe bringen. In der Nachfolge der arrivierten „Großschauspieler“ haben in den letzten zehn Jahren neue Talente auf sich aufmerksam gemacht. Ihnen huldigen wir in einer neuen Porträt-Serie.

Ein Teenager aus der Provinz hat es nach einer furchteinflößenden Charakterrolle in dem Jugendfilm „Knallhart“ auf Anhieb vor die Kamera eines Steven Spielberg und Stephen Daldry geschafft. Das ungläubige Staunen über den märchenhaften Aufstieg von David Kross war groß, als er es mit seinem entwaffnend natürlichen Spiel in schwindelerregendem Tempo auf Augenhöhe mit Kate Winslet brachte. Inzwischen ist in der Karriere des 23-Jährigen wieder die Normalität eingekehrt. Nach dem Abbruch eines Schauspielstudiums in London folgte ein erneutes Engagement durch seinen Entdecker Detlev Buck und die Rolle von Ludwig XIV. in einer französischen „Angelique“-Neuverfilmung. Also doch nur ein Ausnahmephänomen, das schon bei Daniel Brühl in einer eher enttäuschenden Mischkalkulation aus viel internationaler Routine und wenig Überraschendem endete? Nein, eher ein Gesetz der Serie. Seit den Nullerjahren baut sich in Deutschland kontinuierlich eine neue Garde kraftstrotzender Schauspielbegabungen auf, die cinephile Nationen wie Frankreich längst in den Olymp gehoben hätten, wie zuletzt etwa in der Juli/August-Ausgabe der „Cahiers du Cinéma“, deren Cover die Liebeserklärung „L’amour des acteurs“ zierte.

Die neuen Gesichter lassen ihre Vorgänger mehr als blass aussehen. Was ist schon die piepsstimmige Männlichkeit eines Til Schweiger gegen die postmaskuline Grandezza eines Ronald Zehrfeld oder Mišel Matičević? Der immer gleiche Rollen- und Outfit-Zuschnitt einer Maria Schrader oder Katja Riemann gegen die ätherisch bodenständige Vielseitigkeit einer Brigitte Hobmeier, deren Spektrum auf der Bühne von der Buhlschaft bis zu Fassbinders Maria Braun reicht?

„Endlich erobern junge Schauspieler mit einer Mischung aus Mut und Melancholie das deutsche Kino, statt mit Albernheit zu nerven“, resümierte das ZEITmagazin in seinem Special zur diesjährigen „Berlinale“ und packte gleich ein ganzes Klassenquartett der Ernst-Busch-Hochschule in einen Erste-Liga-Umhang: mit dabei Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger und Mark Waschke. Auffällig viele der durch ihre fundierte Professionalität glänzenden Novizen kommen von der Berliner Lehranstalt, die 1905 von Max Reinhardt gegründet wurde und bis zur Wende das Aushängeschild der elitären Theaterausbildung in der DDR war.

Die Namen der jüngsten Absolventen der Ernst-Busch-Schule lesen sich wie ein „Who’s Who“ des deutschen Gegenwartsfilms, von Sandra Hüller über August Diehl bis zu Devid Striesow. Auch eine Susanne Wolff hätte man in dieser Runde verorten können. Sie schaffte es über die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover bis zu den Salzburger Festspielen. Ins Kino oder gar Fernsehen verirrt sie sich nur selten. Und wenn doch, dann dreht sie gleich mit Dominik Graf oder sucht sich die Rolle einer Mutter mit einer postnatalen Depression aus, die über „Das Fremde in mir“ wahnsinnig zu werden droht.

Oder Valery Tscheplanowa, auch sie eine Abgängerin der Ernst-Busch-Schule und neben Mehdi Nebbou, Stipe Erceg, Irina Potapenko oder Daniel Brühl eines jener zwischen den Kulturen aufgewachsenen Nomadenkinder, die ihre Auftritte mit betörender Uneindeutigkeit bereichern. Was wäre Andreas Dresens Klamaukdrama „Whisky mit Wodka“ ohne Tscheplanowas schläfrig abgeklärte Präsenz. Alina Levshin, Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam, ist am fiebrig emotionalen Gegenpol der Skala zu verorten. Sie startete schon im Studium bei Dominik Graf in der kinoreifen Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ durch, wenn auch in einer Rolle, die sie wohl ihrer Herkunft aus der Ukraine verdankte. Umso respektabler ihr Auftritt als wütendes Skinhead-Girl in „Die Kriegerin“. Dass dieser vielprämierten Leistung, bis auf eine „romantische Komödie“ unter der Regie von Matthias Schweighöfer, bisher ausschließlich Fernsehengagements folgten, verärgert und macht stutzig.

Denn natürlich hat die wunderliche Vermehrung atemberaubender Jungakteure auch mit der längst fälligen Ausdifferenzierung der deutschen Filmbranche zu tun. Diese lässt neben vermeintlich sicheren Publikumsgaranten und den teuren Großproduktionen verdienter „Neuer Deutscher Film“-Heroen verstärkt auch einer nachwachsenden Generation den Vortritt. Die jungen Filmemacher orientieren sich wieder an den Traditionen des europäischen Autorenfilms und irritieren lieber, als sich mit der geforderten Kompatibilität für eine nachfolgende Fernsehverwertung zufriedenzugeben. Es wird endlich wieder mehr gewagt im deutschen Film, wenn auch, je weiter die Lebensläufe der Jungregisseure fortschreiten, meist immer noch in homöopathischen Dosierungen. Selbst bei den Bedenkenträgern des Fernsehens scheint sich das Bedürfnis nach Figuren herumgesprochen zu haben, die über mehr als nur eine Dimension verfügen. Schade ist freilich, dass die Angst vor dem eigenen Mut (bis auf das Nischen-terrain des „Kleinen Fernsehspiels“) oft noch jedes Risko ausbremst, wenn es ernst wird. Wie in der ZDF-Prestige-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu besichtigen war, in der ein fulminantes Ensemble, allen voran die großen Hoffnungsträger Volker Bruch, Tom Schilling, Katharina Schüttler und Ludwig Trepte, eine sich hoffnungslos verheddernde Kriegssaga-Dramaturgie über deren vermeidbare Unzulänglichkeiten hinwegretten musste.

Verlass ist dagegen immer noch auf die große Anzahl herausragender Debüts, in denen Schauspiel-Newcomer neben Profis ihr Können beweisen können oder miteinander um die Gunst der Kamera konkurrieren. „Staub auf unserem Herzen“ der 1979 geborenen Hanna Doose war beispielsweise so ein Musterexemplar einer ungewohnt aus dem Ruder laufenden Familiendystopie. Susanne Lothar stachelte darin in ihrer letzten Rolle als herrschsüchtige Mutter die junge Stefanie Stremler zur Gegenwehr an. Passenderweise gehörte die durch eine widerspenstige Technik auffallende Stremler just zu jener Gruppe von Schauspielschülern, deren Studienjahre auf der Ernst-Busch-Schule ernüchternden Stoff für Andres Veiels Schauspielschüler-Doku „Die Spielwütigen“ bot.

Historisch verankerte Filme von Nachwuchsregisseuren wie die DDR-Romanze „Westwind“ oder das Stasi-Drama „Wir wollten aufs Meer“ überzeugten bisher zwar nicht immer durch eine stimmige Auseinandersetzung mit dem sensiblen Sujet, boten aber immerhin eine anspruchsvolle Kulisse für das Aufeinandertreffen mit Wucht und Inbrunst aufspielender Generationsgenossen, die sich untereinander messen konnten.

Die Anerkennung, die ihre Leistung verdienen, finden die jungen Talente nicht immer - oft bleibt die Zahl der Kinozuschauer, die sie zur Kenntnis nehmen, allzu überschaubar. Dass eine schwarz-weiße, mit Jazz unterlegte Low-Budget-Kuriosität wie das Spielfilmdebüt „Oh Boy“ von Jan-Ole Gerster vom Deutschen Filmpreis nicht nur nicht übergangen, sondern gleich mehrfach ausgezeichnet wurde, stimmt immerhin hoffnungsvoll. Der Film war nicht nur hervorragend inszeniert, sondern auch ein dankbares Solo-Vehikel für einen Tom Schilling in Hochform, der das Lebensgefühl der von der Verschieberitis geplagten Thirtysomethings mit minimalem Aufwand auf die Leinwand brachte. Weniger Glück hatte dagegen Regisseur Dietrich Brüggemann mit seiner Studentenkomödie „3 Zimmer/Küche/Bad“: Das Medien- und Publikumsecho blieb überschaubar, obwohl er ebenfalls mit einer präzise selbstironischen Beobachtung seiner Jahrgänge aufwartete und in dem Ensemble aus seiner Schwester Anna Brüggemann, Jacob Matschenz, Alice Dwyer und Robert Gwisdek gleich mehrere hochbegabte Jungschauspieler versammelte.

Es bleibt zu hoffen, dass solchen Talenten bei neuen Projekten die Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie verdienen. Wie kürzlich dem Nachwuchstalent Carla Juri bei dem Funken sprühenden Kamikaze-Auftritt in „Feuchtgebiete“. Spannend dürfte es werden, ob Juri in dem mehr als vielversprechenden Ensemble von „Finsterworld“ besteht. Die Gesellschaftssatire aus der Feder des Dandyzynikers Christian Kracht verspricht zum Starttermin im Oktober ein Festessen neuer deutscher Schauspielkunst: Neben Altstars wie Margit Carstensen und Corinna Harfouch liefern sich Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller und Christoph Bach in diesem Heimatfilm der absurd komischen Art einen hoffentlich beißenden Ritt durch die bundesrepublikanische Parallelwelt.

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