Teuflisch gut

Spielwütig (IV): Der Schauspieler Mark Waschke

Alexandra Wach, FILM-DIENST 22/2013


Spätestens nach seinem bestürzend kaltblütigen Auftritt in der Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ hinkt der hilflose Vergleich mit Paul Newman. Der haftet Mark Waschke seit Heinrich Breloers „Buddenbrooks“- Verfilmung sowie der Verkörperung des Brick in einer Ostermeier-Inszenierung des Klassikers „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ an. Nicht jeder hätte die Rolle eines mit allen systemtreuen Wassern gewaschenen SS-Manns, der seine Machtposition gegenüber der aufstiegsbesessenen Geliebten sadistisch auszuspielen weiß, mit so viel viriler Selbstherrlichkeit darstellen können – bis hin zur chamäleonhaften Verwandlung zum Fast-Widerständler nach Kriegsende, gespiegelt in einer verschlagen zynischen Unschuldsfratze, die von einer besonders überlebensfähigen Psyche zeugte.

Angesichts dieser mehr als guten Figur im Nazi-Fach träumt man sich eine Neuverfilmung von „Cabaret“ herbei: mit Mark Waschke in der Rolle von Helmut Griem, mit dem er nicht nur eine frappierende physische Ähnlichkeit teilt. Auch dieser überwiegend im Theaterfach beheimatete Lieblingsdarsteller des Jungen Deutschen Films glänzte in Luchino Viscontis „Die Verdammten“ als fanatisch blonder SS-Mann. Der Wechsel von einer zurückhaltenden Nachdenklichkeit zur ausdrucksstarken körperlichen Präsenz findet sich bei beiden, ebenso die fein dosierten Gesten und der melancholische Anstrich. Allerdings fehlte Griem die Ausbildung an einer Vorzeigeanstalt wie der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

Der 1972 geborene Wahl-Berliner Waschke wurde für die Kamera erst nach Jahren der Bühnenarbeit verpflichtet – vom Deutschen Theater Berlin über die Schaubühne bis zum Hamburger Schauspielhaus. 2007 besetzte ihn Angela Schanelec in ihrer Tschechow-Variation „Nachmittag“. Noch im selben Jahr debütierte Waschke gleich in mehreren bemerkenswerten Fernsehfilmen, darunter das seismografisch ins Schwarze treffende Generationsporträt „Mitte 30“ von Stefan Krohmer. Darin spielte der Spätentdeckte einen 35 Jahre alten Architekten, der sich mangels Aufträgen zur Neuorientierung gezwungen sieht. Nur schleppend nimmt er das neue Leben als Lehrer in Angriff, hin und her gerissen zwischen zwei Frauen, die Forderungen stellen und angesichts seiner neuen Männlichkeit, die sich zupackendem Elan und Karriere verweigert, verzweifeln. Waschke gleitet wie ein Abwesender dahin, der sich seine Spielräume durch Passivität erhalten will, gesegnet mit einem mimischen Understatement, das jeden Moment in einen katastrophalen Gefühlsausbruch umkippen kann.

Statt eines verdienten Karriereaufbruchs folgte im Anschluss die übliche „Tatort“-Fernsehroutine. Immerhin nahm sich die Berliner Schule des Ausnahmetalents weiterhin an, wenn auch nur in Nebenrollen. Für Christoph Hochhäusler reichte es in „Unter dir die Stadt“ nur für den von seiner gelangweilten Frau mit dem eigenen Chef betrogenen Investmentbanker aus. Christian Petzold besetzte ihn in „Barbara“ als Geliebten von Nina Hoss, der aus dem West-Hintergrund ihre Republikflucht vorbereitet. Der Abstecher in die deutsche Sudetengeschichte unter der Regie von Juraj Herz fiel mit „Habermann“ beängstigend schematisch aus, warf aber immerhin den Bayerischen Filmpreis für die Hauptrolle des von den Nazis verfolgten aufrechten Deutschen ab. In Hendrik Handloegtens Kinofilm „Fenster zum Sommer“ arbeitete sich Waschke im Kreis seiner Studienkollegen Lars Eidinger und Fritzi Haberlandt in die Mitte des Geschehens vor – mit dem Ergebnis, dass ihn das mit rückwärtsgerichteten Zeitverschiebungen spielende Drehbuch prompt der Liebhaberposition an der Seite von Nina Hoss beraubte. Mysteriös esoterisch ging es weiter. Die Verfilmung von Juli Zehs Bestseller „Schilf“ geriet 2012 (nicht nur wegen der mickrigen 10.000 Zuschauer) zum Reinfall, auch wenn sich Waschke tapfer als vergrübelt um sein Kind bangender Physiker durch die Geschichte um Paralleluniversen und eingebildete Realitäten schlug.

Der neueste Streich der zuletzt etwas unglücklich dahinplätschernden Laufbahn verspricht einen Neuanfang: Denis Dercourt machte sich mit „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“ 2006 in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ einen Namen; inzwischen lebt der germanophile Franzose in Berlin. Mit „Zum Geburtstag“ versuchte er sich in diesem Jahr an einem farblich mediterranen, märchenhaften Beziehungsthriller mit deutschen Schauspielern. Der Teufel persönlich drängt sich in Gestalt von Sylvester Groth in Waschkes perfektes Leben mit Marie Bäumer. Ein alter Pakt aus der DDR-Jugendzeit fordert seinen zerstörerischen Tribut ein, angepeitscht von der dämonischen Assistentin Sophie Rois. Viel schöner E.T.A.-Hoffmann-Rauch um nichts, und mittendrin einer der besten deutschen Schauspieler der Gegenwart, der ermattet nach dem Ausgang sucht. Eine Schande.

„Wenn du erst mal drüben bist, kannst du immer ausschlafen. Ich verdiene genug für uns beide.“

Mark Waschke als ebenso wohlhabender wie unbedarfter Geliebter aus dem „goldenen Westen“ in „Barbara“ (2011) von Christian Petzold. Dieser eine, doch alles entscheidende Wende-Satz legt bei Titelgestalt Barbara (Nina Hoss) einen Schalter um: Durch ihn rekapituliert sie ihre Situation und definiert ihre Wertmaßstäbe gänzlich neu. Drehbuchautor Harun Farocki hielt den Satz für zu aufdringlich, doch die weiblichen Mitarbeiter am Set forderten ihn regelrecht ein.