Tochter, Schwester, Geliebte

Spielwütig (XIV): Die Schauspielerin Henriette Confurius

Alexandra Wach, FILM-DIENST 18/2014


Dominik Graf bewies zuletzt ein Händchen für Jungschauspieler mit Potenzial. Misel Maticevic verpasste er in „Das Gelübde“ einen Image-Wechsel vom virilen Macho zum langhaarigen Intellektuellen aus der Romantik-Ära, Ronald Zehrfeld und Alina Levshin schaufelte er mit der Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ den Weg frei, und für sein aktuelles Kinoepos „Die geliebten Schwestern“ schenkte er Henriette Confurius endlich eine große Kinorolle, die ihrem Typ gerecht wird.

Seit dem zehnten Lebensjahr steht die Berlinerin vor der Kamera. Was andere an der Schauspielschule erlernen, schaute sie sich entlang unzähliger Fernsehauftritte in direkter Konfrontation mit den Kollegen ab. Dabei absolvierte sie so ziemlich alle Krimi-Formate, von „Bella Block“ bis zum „Polizeiruf 110“. Drei „Tatorte“ gesellten sich dazu. Vor allem in „Herrenabend“ (Deutschland 2011, Regie: Matthias Tiefenbacher) stahl sie selbst der stets elektrisierend-sonderbaren Victoria Trauttmansdorff mit ihrer störrischen Verletzlichkeit die Show.

Gerade mal elf Jahre alt, wählte sie Anne Wild für ihr Spielfilmdebüt „Mein erstes Wunder“ aus. An der Seite ihrer Film-Mutter Juliane Köhler übernahm Confurius die Rolle eines vaterlosen Noch-Kindes, das sich auf eine Mesalliance mit einem Mittvierziger einlässt und dabei mit größter Intensität gegen das verständnislose Umfeld ankämpft. Es folgten unzählige Töchter-Einsätze. Im Fernsehdrama „Jenseits der Mauer“ (2009, Regie: Friedemann Fromm) verkörpert sie den Nachwuchs von DDR-Flüchtlingen, der im Räderwerk der Zwangsadoption verschwand. Das Doku-Drama „Eichmanns Ende“ (2010, Regie: Raymond Ley) bescherte ihr die Rolle einer Jüdin, die sich im Buenos Aires der Nachkriegszeit ausgerechnet in den Sohn von Adolf Eichmann verliebt – was die Neugier ihres Vaters weckt, eines Holocaust-Überlebenden, der Beweismaterial gegen den Nazi-Funktionär Eichmann sammelt.

Bereits ein Jahr früher ließ sich in dem Mehrteiler „Die Wölfe“ (ebenfalls unter der Regie von Friedemann Fromm) erahnen, wie gut sich Henriette Confurius im Historienfach machen könnte. Als Mitglied einer Jugendbande zur Zeit der Berlin-Blockade 1948/49 glänzte sie ebenso wie in einer kleinen Nebenrolle in Julie Delpys „Die Gräfin“ dank einer entrückten Physis, die den Sprung in vergangene Epochen mehr als glaubwürdig erscheinen lässt. Und selbst in „Die Holzbaronin“ konnte ihr das Tête-à-Tête mit Christine Neubauer dank einer umwerfenden Präsenz in Kostümen der Jahrhundertwende nichts anhaben.

Das muss sich in der Branche herumgesprochen haben, denn auch in dem Doku-Drama „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ (2014, Regie: Kai Christiansen) verließ man sich auf ihre Zeitkolorit-Qualitäten und ein schauspielerisches Können, das in der Leichtigkeit des Augenblicks genauso beheimatet ist wie im drückendsten Drama. Als jüdische Mitarbeiterin einer Blindenwerkstatt verdankt es Confurius’ Figur den Täuschungsmanövern ihres Arbeitgebers und zwei Jahrzehnte älteren Liebhabers, dass sie jahrelang der Deportation entkam, bis sie die Vernichtungsmaschinerie doch noch einholte. Im Gespann mit Edgar Selge hob Henriette Confurius die unglaubliche Rettungsgeschichte auf das Niveau einer kinoreifen Fernsehrarität.

Gleiches gilt für Dominik Grafs sommerliche „ménage à trois“ zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Lengefeld. Nach dieser Lehrstunde des stürmisch-drängenden Lebensgefühls möchte man Henriette Confurius nicht mehr aus dem historischen Kostüm herauslassen: Wie wäre es mit einem Biopic über die Salon-Meisterin Rahel Varnhagen, Fanny Hensel, die begabte Schwester von Felix Mendelssohn, oder Angelika Kauffmann, eine der ersten auch finanziell erfolgreichen Malerinnen? Henriette Confurius in den Kulissen von Rom und London, im Gespräch mit Winckelmann, umworben und doch „nicht glücklich wie sie es zu sein verdiente“, wie ihr Freund Goethe schrieb. Eine deutsche Helena Bonham Carter oder Keira Knightley, die dank ihrer sensationellen Frühreife auch noch mit einem Überraschungscoup in der Rollenwahl jenseits von Tochter, Schwester, Geliebte aufwarten könnte. Wenn man sie denn lässt…