Unverwechselbar präsent

Spielwütig (XXVIII): Die Schauspielerin Maria Dragus

Alexandra Wach, FILM-DIENST 22/2016


Die 22-jährige Maria Dragus wollte eigentlich Tänzerin werden. Doch die Kamera lässt sie seit ihren Kindertagen nicht los. Mit der Rolle der Pfarrerstochter in Michael Hanekes Drama „Das weiße Band“ wurde sie einem größeren Publikum bekannt. Nach vielen Nebenrollen glänzt sie aktuell gleich in drei Produktionen an vorderster Stelle: Unter der Regie von Cristian Mungiu bekam sie dieses Jahr ihren großen Auftritt in Cannes, Mungius Film „Bacalaureat“ lief im Wettbewerb der Filmfestspiele; dank Jakob Lass versucht sie sich in „Tiger Girl“ im Fach der Improvisation, und in Barbara Alberts neuem Film „Licht“ schlüpft sie an der Seite von Devid Striesow in die Wiener Musikwelt des 18. Jahrhunderts.

Ist Maria Dragus die neue Alexandra Maria Lara? Wohl kaum, auch wenn die Parallelen frappierend sind. Beide haben rumänische Wurzeln und Künstlereltern, starteten noch als Schülerinnen im Fernsehen durch, bekamen früh relevante Kinorollen und schafften es bis zum Festival nach Cannes. Die ältere 2008 als Mitglied der Wettbewerbjury, die jüngere 2009 und 2016 gleich zweifach als Filmmitwirkende im Wettbewerb selbst.

Und doch könnten sie nicht nur physiognomisch nicht unterschiedlicher sein. Während Alexandra Maria Lara auf dem internationalen Parkett, gefangen in einem verwechselbaren Rollenprofil, zunehmend an Konturen verliert, macht Maria Dragus im Moment alles richtig. Ihre Zweisprachigkeit erweist sich dabei als doppelter Joker. Sie ist zwar in Deutschland aufgewachsen, ihre Familie stammt aber aus Rumänien. Sie kennt sich aus mit dem von Korruption gebeutelten Land. Dass sie von Cristian Mungiu – Cannes-Gewinner im Jahr 2007 mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ – für die Rolle einer angehenden Abiturientin gewählt wurde, die an den Karriere-Erwartungen der unkoscher nachhelfenden Eltern zu zerbrechen droht, ist wohl nicht nur ihrer immer noch jugendlichen Erscheinung geschuldet, sondern auch einer ganzen Reihe von Auftritten in Filmen namhafter Regisseure, in denen sie ihr Entwicklungspotenzial bewiesen hat.

An erster Stelle natürlich ihr Michael-Haneke-Coup als gerade mal 14-Jährige, der mit dem Deutschen Filmpreis (Beste Nebendarstellerin in „Das weiße Band“, 2010) belohnt wurde. Ob als Schwester der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin in Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“, in Emily Atefs Drama „Töte mich“ als verhinderte Selbstmörderin, die einen Pakt mit einem entflohenen Sträfling schließt, oder in Bettina Blümners Adaption „Scherbenpark“, in dem sie die Eigenheiten eines prekären Lebens in einer Hochhaussiedlung authentisch in ihre bescheidene Rolle einbrachte – ihre unverwechselbare Präsenz blieb nachhaltig in Erinnerung. Das gilt auch für das aktuelle Drama „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, trotz des undankbaren Parts des Kindermädchens, das die Abtreibungsnöte seiner Arbeitgeberin miterlebt.

Auf einem Foto von den Dreharbeiten zu Barbara Alberts Kostümfilm „Licht“ sieht man die bisher einer blonden Großstadt-Elfe ähnelnde Schauspielerin, deren Spektrum vom vulgären, aber pragmatischen Mädchen aus einfachen Verhältnissen bis zur früh gereiften Schwermütigen mit feinem Nervenkostüm reicht, völlig verwandelt mit grauer Perücke, weiß gepuderter Porzellanhaut und einem ätherisch-zerbrechlichen Blick inmitten von barocken Kulissen aus der Zeit von Mozart sitzen. Maria Dragus verkörpert in diesem Ambiente die früh erblindete Pianistin Maria Theresia von Paradis, die beim umstrittenen Hypnosearzt Franz Anton Mesmer Hilfe sucht. Das tatsächlich wiedergefundene Augenlicht bezahlt das Wunderkind mit dem Verlust seiner Virtuosität, aber immerhin bleibt ihm bei all dem gesellschaftlichen Aufruhr rund um seinen Fall die wunderbar puppenhafte Erscheinung erhalten.

Um ihren Willen zum vielseitigen Einsatz zu bekräftigen, hat Maria Dragus zeitgleich unter der Regie von Jakob Lass (der für sein Debüt „Love Steaks“ 2014 den „Max-Ophüls-Preis“ erhielt) ihr Improvisationstalent getestet. „Tiger Girl“ stellt eine ungleiche Frauen-Freundschaft ins Zentrum einer dokumentarisch gedrehten, aber fiktional aufgelösten Geschichte. Und selbst als angehende Medizinerin, die bei der Marine anheuert und unter den Verdacht gerät, für die Aufgaben einer Kadettin auf einem Segelschulschiff untauglich zu sein, passt Maria Dragus wie angegossen. Gedreht fürs Fernsehen nach dem authentischen Fall der Gorch Fock, muss sie nicht nur Schlafmangel und Drill wegstecken, sondern auch die antiquierten Männlichkeitsideale der angehenden Offiziere. Die Außenseiterin kämpft sich mit eisernem Willen durch und geht doch buchstäblich über Bord. Eine starke Schutzbedürftige, die sich nur mit Gewalt aus dem Spiel werfen lässt. Und sich hoffentlich dabei wieder den nächsten Preis wie im Vorbeigehen wegschnappt.

Homepage: www.mariadragus.com

Rüdiger Suchsland war 2013 im Rahmen der FILMDIENST-Reihe „Im Kino mit…“ mit Maria Dragus in „The Look of Love“ von Michael Winterbottom (vgl. „Die Seele auf den Tisch legen“, FD 20/2013).