Verstand und Gefühl

Spielwütig (XX): Der Schauspieler Tom Schilling

Alexandra Wach, FILM-DIENST 7/2015


Der schmächtige Berliner ist der Anti-Til Schweiger des deutschen Kinos; sein Rollenfach sind die Ver­lierer und die labilen Suchenden. Karrieretechnisch hat sich Tom Schilling damit ein beachtliches Port­folio erspielt und mittlerweile die Fühler auch ins internationale Filmgeschäft ausgestreckt.

Im Fernsehdrama »Unsere Mütter, unsere Väter« bewies er eher unfreiwillig seine Wandlungsfähigkeit. Um die These der Dramaturgie zu untermalen, dass im Krieg selbst aus einem Dissidenten ein Fanatiker werden kann, durfte Tom Schilling eine beachtliche Bandbreite seiner Fähigkeiten demonstrieren: vom ­klarsichtigen Schmerzensmann, der sich dem ideologisch-militärischem Wahnsinn nicht unterordnen will, bis zum loyalen Nihilisten mit enthemmtem Tötungsimpuls. Dass man dem 1982 in Ost-Berlin geborenen Talent, das vor allem in Rollen von seelisch gebrochenen Jünglingen zu überzeugen weiß, den Spagat zwischen manipuliertem Verstand und rebellierendem Gefühl abnahm, will schon etwas heißen. Manche sahen ihn gar schon auf Kriegsrollen abonniert und produzierten mit ihm ein Hörbuch von Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«. Ein Missverständnis? Offenbar finden sich in Schillings brüchiger Aura Zweifler jeder Couleur widergespiegelt. Kein schlechtes Kompliment für einen Schauspieler.

Schilling gehört zu jener Spezies, die wie viele seiner Generation bereits als Kinder die Verwandlungskunst erschnupperten. Mit sechs Jahren trat er in der DDR in einem Film auf, nachdem ihn seine Mutter zu einem Vorsprechen mitgenommen hatte. Mit zwölf holte ihn Thomas Heise auf die Bühne des Berliner Ensembles. Der Bazillus hat sich seitdem erfolgreich eingenistet. Die Liste seiner Engagements in Theater und Film ist schwindelerregend. Die Fachausbildung hingegen beschränkt sich 2006 auf einen Besuch der Lee-Strasberg-Schule in New York. Eine Wahl, die viel von Schillings Ehrgeiz und Selbstbewusstsein verrät, in die erste Liga eindringen zu wollen.

Noch bevor er das Abitur ablegte, spielte er 2000 in der Romanverfilmung »Crazy« von Benjamin Lebert, die sein Rollenfach fortan prägte. Nach »Verschwende deine Jugend«, »Napola« oder »Egoshooter« schlossen sich »Oh Boy«, »Who Am I – Kein System ist sicher« und schließlich »Tod den Hippies!! Es lebe der Punk« nahtlos an. Allesamt Varianten des Coming-of-Age-Genres, die auf Schillings einzigartige Präsenz setzen, um wie einst James Dean die Irrungen und Wirrungen einer Jugend zu verkörpern, die sich mit der Verlogenheit der Erwachsenenwelt nicht abfinden kann und unkonventionelle Wege sucht, um sich dem ­angepassten Mainstream zu entziehen. Selbst seine grandios verzweifelte Verkörperung des »Woyzeck« in einer ambitionierten Filmversion ging in diese Richtung.

An Preisen jeglicher Provenienz herrscht in Schillings Werdegang seitdem kein Mangel, und selbst die Yellow-Press von »Gala« bis »Bunte« findet inzwischen Gefallen an seinem Privatleben. Eigentlich erstaunlich bei einem schmächtigen, ewig ­adoleszenten Anti-Til-Schweiger, der labile Verlierer, traurige Suchende und phlegmatisch-schweigsame Ex-Jura-Studenten so glaub­würdig verkörpert, dass man ihnen sogleich einen Lebensratgeber reichen möchte, den diese Typen aber nur wutentbrannt in den nächsten Mülleimer schmeißen würden.

Dass diese Typen auch über die deutschen Grenzen willkommen sind, beweisen Tom Schillings neuerliche Engagements in internationalen Co-Produktionen wie »Suite française« und »Woman in Gold«. Hier darf er es mit Größen wie Helen Mirren oder Kristin Scott Thomas aufnehmen, wenn auch vorerst nur in Nebenrollen. Macht nichts. Zeit zum Erwachsenwerden ist noch genug.