Was schön ist, muss wehtun

Spielwütig (XVII): Die Schauspielerin Paula Beer

Alexandra Wach, FILM-DIENST 1/2015


Es ist eine jener Entdeckungsgeschichten, die sich perfekt in einer Jungstar-Biografie machen: Eine 14-jährige Berlinerin hegt vage Showbiz-Ambitionen. Sie macht mit beim Jugendensemble des Berliner Friedrichstadtpalasts, tanzt und schauspielert ein ­wenig. Dann wird sie an ihrer Schule von einer Schauspielagentin angesprochen. Ob sie nicht zum Casting für einen Kinofilm kommen möchte? Paula Beer will. Die Konkurrenz ist enorm. Es gilt, 2.500 Kandidatinnen aus dem Feld zu schlagen. Sie schafft es.

Wie sie das gemacht hat, erahnt man spätestens auf der Leinwand. Die langhaarige Sirene verschmilzt regelrecht mit der Rolle der Oda in Chris Kraus’ Ausnahmehistoriendrama »Poll«: in ihren Augen bald die tiefe Verletzlichkeit eines Kindes, bald die Entschlossenheit einer frühreifen Amazone. Ihre unschuldige Schönheit ist ihr keine Hilfe in all dem Gewirr aus Beziehungen und monströsen Neigungen, in das sie die Erwachsenen reinziehen. Und auch die erste Liebe verursacht mehr Schmerz, als eine Pubertierende auf der Suche nach der eigenen Identität eigentlich aushalten kann.

Der Jubel um ihren souveränen Auftritt in einer ungewöhnlich aufwändigen Produktion, die auf dem schmalen Grat zwischen Gruseleffekten, Todessehnsucht und romantischer Baltikum-­Nostalgie kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs balan­cierte, ließ Paula Beer nicht abheben. Sie hielt Kurs auf ihr Abitur und rief zwei Jahre später ihr Talent in Erinnerung mit einer kleinen Rolle in »Ludwig II.« Als Ludwigs Cousine Sophie in Bayern bildete sie mit ihrer emotional ausdrucksstarken Präsenz einen erholsamen Kontrapunkt zur hölzernen Fehlbesetzung durch Sabin Tambrea. In Vivian Naefes Romanverfilmung »Der Geschmack von Apfelkernen« verkaufte sie sich unter Wert, reihte sich immerhin aber in ein ­beachtliches Frauen-Ensemble ein, in dem auch Hannah Herzsprung, die erste Entdeckung von Chris Kraus, den aalglatten Film vor dem Absturz zu bewahren versuchte.

Im Jahr 2014 lief Paula Beer wieder zur Hochform auf. In »Das ­finstere Tal«, nominiert als österreichischer »Oscar«-Kandidat für den besten fremdsprachigen Film, bewies sie als Erzählerin ungeahnte Dialektfestigkeit. Ihre Figur der Bauerntochter in einem abgelegenen Tal hatte es nicht leicht. Zwar weckte ein Fremder ihre Neugier auf das Leben außerhalb der engen Dorfgemeinschaft. Aber die Erziehung zum Gehorsam blockierte zugleich jeden Impuls zur Emanzipation. Als verängstigte Braut in einem Männerbund, der Frauen untereinander zu teilen pflegte und alte Rechnungen auszutragen hatte, geriet ihr Auftritt allzu passiv und lieblich, aber auch dieses Fach des bemitleidenswerten Opfers beherrschte Paula Beer mehr als überzeugend. Waren es in dem Alpenwestern Tobias Moretti und Sam Riley, gegen die sie anspielen musste, sah sie sich in Volker Schlöndorffs »Diplomatie« mit einem deutsch-französischen Spitzen-Team konfrontiert. In einer kleinen Rolle, die am Ende auch noch weggeschnitten wurde; aber die Dreherfahrung für eine gerade mal 19-Jährige muss beachtlich gewesen sein. Das macht ihr in ihrer Generation keine so schnell wieder nach. Auf das nächste Projekt darf man gespannt sein.