Wer hat Angst vor störrischen Sommersprossen?

Spielwütig (VII): Der Schauspieler Jakob Diehl

Alexandra Wach, FILM-DIENST 1/2014


Wenn einer aus Versehen zur Schauspielerei kommt, kann das von Vorteil sein, wie im Fall von Jakob Diehl, der vor der Kamera immer so lässig und beiläufig agiert, als würde er gleich aus dem Bild treten mit dem Hinweis, er sei im falschen Film. Dabei findet sich das Verwandlungsgen auffällig häufig in seiner Familie. Der Vater Hans Diehl spielt seit den 1970ern kontinuierlich Theater, die Mutter ist Kostümbildnerin, der große Bruder August, inzwischen Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, gilt als einer der markantesten Mimen seiner Generation. Kein Wunder also, dass der zwei Jahre Jüngere auf der Suche nach einer eigenen Identität erstmal auf Abstand zum Gauklerfach ging. 1978 in Paris geboren, schmiss er mit 16 die Schule, um sich ganz der Musik zu widmen. Der Traum von einer Karriere als Geiger scheiterte an seinem Unwillen, sich im Orchester unterordnen zu müssen. Zum Solisten fehlte ihm die Ausdauer fürs tägliche Üben. Diehl musste umsatteln und wählte das Studium der Komposition an der Berliner Universität der Künste. Seitdem reüssiert er im Umfeld der zeitgenössischen Neuen Musik, vertont Hörspiele, Theaterstücke und Debütfilme.

Es hätte immer so weitergehen können, wäre da nicht der gelegentliche Geldmangel gewesen, den er mit dem Einsatz als Komparse behob. Kaum aufgetaucht in der Branche, sorgte der schillernde Name für Angebote, die seine Bedenken zu zerstreuen vermochten. Gleich in seinem ersten Fernsehfilm „Der blinde Fleck“ übernahm der mit reichlich privatem Anschauungsmaterial gesegnete Autodidakt die Rolle eines systemkritischen Studenten der Philosophie, der wegen des Mords an zwei Polizisten gejagt wird. Der Auftritt brachte ihm prompt die Nominierung für den First Steps Award ein und prägte fortan sein Image als perfekte Besetzung für verkopft sensible, rebellische Außenseitertypen, die lieber abseitige Ziele verfolgen als sich den Erwartungen der Mehrheit anzupassen. Dem Kurzauftritt in Uli Edels „Der Baader Meinhof Komplex“ folgte eine dreijährige Kameraabstinenz, die mit der Hauptrolle in „Das schlafende Mädchen“ von Rainer Kirberg eindrücklich aufgewogen wurde. Diehl wandelte in dem schwarz-weißen Filmexperiment als störrischer Jungkünstler durch das revolutionsbewegte Beuys-Düsseldorf der 1970er-Jahre, bewaffnet mit weißem Hemd, hagerem Langwuchs, Sommersprossen und Spraydose. Immer wieder schelmisch lächelnd, hielt er sich seine selbstzentrierte Figur auf Distanz, ein wunderbar selbstironischer Exzentriker, klug und körperlich zu jeder elastischen Verbiegung bereit, den man eher im französischen Kino der Nouvelle Vague verorten möchte.

In Constanze Knoches darauf folgendem Familienabgesang „Die Besucher“ schaffte Diehl erneut den Spagat zwischen subtiler Komik und entwaffnendem Ernst. Als verhinderter Chemie-Absolvent und Möchtegern-Künstler, der von einer Sinnkrise in die nächste selbst gestellte Falle stolpert, gelang ihm das überaus authentische Porträt eines weltentrückten Kreativen aus dem Berliner „Bionade“-Refugium. Angelegt zwischen nervtötender Larmoyanz und besorgniserregenden Selbstzweifeln beförderte er seinen chronisch schlecht gelaunten Jung-Intellektuellen im Vollbesitz seiner Widersprüche mitten hinein ins Abseits einer nie endenden Jugend. Den Part des zeitgenössisch brennenden Solotänzers hätte man Jakob Diehl in Christoph Hochhäuslers neuem Film „Lichtjahre“ gewünscht, der im Herbst 2014 in die Kinos kommen soll. Mutlos oder schlicht strategisch kalkuliert wurde der lieblich gefällige Mädchenschwarm Florian David Fitz mit der Hauptrolle des investigativen Journalisten beauftragt, der einen Skandal um Giftmüll und die Invalidenpolitik der Bundeswehr aufdeckt. Eine glatte Fehlbesetzung, die umso mehr weh tut, als sich unter den Nebendarstellern mit Diehl der ultimative Kandidat für einen charakterlich eigenwilligen Enthüller befand. Jakob, deine Zeit wird noch kommen!