Wer wenn nicht Lena?

Spielwütig (XXI): Über die Schauspielerin Lena Lauzemis

Alexandra Wach, FILM-DIENST 13/2015


Wie erfasst man eine zeithistorische Figur, die über den eigenen Gerechtigkeitssinn stolpert und in all ihrer Radikalität genau zu dem Typus monströser Unmensch mutiert, den sie kurz zuvor bekämpft hat? Für Lena Lauzemis bedeutete die Rolle erstmal ein Riesengeschenk. Obwohl sie die Vorgeschichte der RAF, die in »Wer wenn nicht wir« verhandelt wurde, mehr als nur mit Leben gefüllt hat, ist es seit diesem fulminanten Auftritt still geworden um die gebürtige Berlinerin. Nach vier Jahren Kinopause meldet sie sich jetzt in kleinen, aber prägnanten Rollen zurück.

Man kann sie nur für frühreif halten. Schon vor der Verkörperung von Gudrun Ensslin absolvierte Lena Lauzemis eine fünfjährige Kinopause. In Jutta Brückners Kammerspiel-Drama »Hitlerkantate« hatte sie 2005 neben Hilmar Thate vor der Kamera gestanden und eine glühende Hitler-Verehrerin gespielt, deren ideologische Desillusionierung die Handlung vorantrieb. Eigentlich eine perfekte Grundierung für Ensslin, nur genau spiegelverkehrt in die Richtung einer zunehmend fanatisierten Pfarrerstochter, die sich zwischen zwei Männern zerreibt, von Zweifeln geplagt ist und letztlich doch die Härte gegen sich und andere statt der Einsicht in die Komplexität der Dinge wählt.

Lena Lauzemis ist als Tochter einer Lehrerin und eines Drehbuchautors mit zwei Brüdern in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Früh kommt sie in Kinder- und Jugendtheatern in Kontakt mit der Bühne. Mit 16 Jahren übernimmt sie die erste Hauptrolle im Fernsehkrimi »Das Alibi«. Souverän trägt sie den ambivalenten Part einer Schülerin, die während einer Klassenfahrt einen Mord beobachtet, aber schweigt, weil sie in den Mörder verliebt ist. Die Kritiker jubeln. Und auch Lauzemis ist infiziert. Sie bricht in der 12. Klasse das Gymnasium ab und wird prompt an der Ernst-Busch-Schauspielschule angenommen. Nach dem Abschluss folgt die Mitgliedschaft am Ensemble der Münchner Kammerspiele. Der obligatorische »Tatort«. Und bis 2011 die zwei herausfordernden Kinorollen, die ihr eigentlich alle Türen hätten öffnen sollen. Doch so schnell taucht keine zweite facettenreiche Jeanne d’Arc am Kino-Firmament auf.

Lena Lauzemis kann warten und reift. In Ingo Haebs »Das Zimmermädchen Lynn« überrascht sie nun mit einer Nebenrolle fern jeglicher Politik. Auch wenn ihre Domina mit dem blonden Kurzhaarschnitt an die morbide Kühle von Charlotte Rampling in Liliana Cavanis »Der Nachtportier« erinnert und mehr von den bundesdeutschen Gefühlsirrungen zu verstehen scheint als ihre eigenwillige Neu-Kundin. Etwas Angespanntes geht von ihrem androgynen Gesicht aus. Wenn ihr die kindliche Geliebte zu nahe kommt und sich eine Beziehung fern der mechanischen Schmerz-Reize anbahnt. Dann schleicht sich Verunsicherung in ihre überkontrollierten Züge ein. Und man wünscht sich, die Schutzfassade möge endlich einstürzen.

In der neuen RTL-Prestige-Serie »Deutschland 83« um einen von der Stasi als Spion in den Nato-Stab eingeschleusten Soldaten, der den Dritten Weltkrieg zu verhindern versucht, ist sie im Herbst (in zwei Episoden) ebenso mit von der Partie wie in dem österreichischen Zukunftsthriller »Stille Reserven« von Valentin Hitz. Darin spielt Lena Lauzemis (neben Clemens Schick) eine Aktivistin, die gegen ein Zweiklassensystem aufbegehrt, in dem Arme selbst noch die Kosten ihres Todes als künstlich am Leben gehaltene Zombies abarbeiten müssen. Da ist sie wieder. Die Sehnsucht nach der Veränderbarkeit der Welt. Der Kampf für andere. Die Unfähigkeit wegzuschauen. Hoffentlich kommt diese weltanschaulich mal wieder entgleiste Zukunft ohne die Methoden einer selbstherrlichen Terror-Truppe aus. Auf die befreiende Überzeugungskraft einer Lena Lauzemis kann sie jedenfalls nicht verzichten.

»Deutschland 83«

In der achtteiligen Fernsehserie wird der junge ostdeutsche Soldat Moritz Stamm in den Zeiten von Friedensbewegung und Neuer Deutscher Welle als unerfahrener HVA-Spion in die Bundeswehr eingeschleust, wobei er schnell zwischen private und ideologische Fronten gerät. ­Während der diesjährigen »Berlinale« wurden zwei Episoden vorgeführt, der US-amerikanische Kabelsender »Sundance TV« zeigte die Serie bereits im Juni – als erste deutsche Fernsehserie in den USA auf einem ­linearen Fernsehsender überhaupt. Die Blogger-Jury beim französischen »Festival Séries Mania« zeichnete »Deutschland 83« in der Kategorie »Série du monde« als »Beste ­Serie der Welt« (»Meilleure série du monde«) aus. RTL will die Serie, in der Lena Lauzemis in zwei Fogen auftritt, im Herbst 2015 ausstrahlen.

»Deutschland 83«. Deutschland 2015. Produktion: UFA Fiction. Produzenten: Nico Hofmann, Jörg Winger. Regie: Edward Berger, ­Samira Radsi.