Wundersames Kind

Spielwütig (XXVII): Die erstaunliche Karriere von Louis Hofmann

Alexandra Wach, FILM-DIENST 16/2016


Schon mit elf Jahren hat Louis Hofmann das Spielvirus in der Comedy-Serie „Danni Lowinski“ erwischt. Zwei Jahre später machte er Heino Ferch und Jürgen Vogel im Fernsehfilm „Tod in Istanbul“ Konkurrenz. Dann folgte die erste Kinorolle: Der damals 14-Jährige verwandelte sich in „Tom Sawyer“. Seit er 2015 im Jugendheimdrama „Freistatt“ bewies, dass er der Figur eines von den Erziehern misshandelten Halbwüchsigen Ecken und Kanten zu verleihen vermag, gilt er als eine große Hoffnung.

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Hier die Mississippi-Abenteuerwelt in einem alle Unebenheiten glättenden Kinderfilm, der sich Freundschaft, Mut und Treue auf die Fahnen schreibt und dabei eine etwas aseptische Nostalgie ohne Dreck und Makel verbreitet. Dort die Hölle einer Heimkindheit in der bundesdeutschen Nachkriegszeit, in der Prügel, psychische Folter und maßloses Schuften zum Alltag von „Schwererziehbaren“ gehörten. Regisseur Marc Brummund verortete „Freistatt“ zeitlich nicht ohne Grund im Jahr 1968, als sich die rebellierenden Studenten auch gegen die bis dahin vorherrschende „schwarze Pädagogik“ wandten.

Erstaunlich ist dabei, dass Brummund die Hauptrolle mit einem Nachwuchsdarsteller besetzte, der nach diversen Nebenrollen im Fernsehen, einem Kinoauftritt als Tom Sawyer und als Neffe von Benno Fürmann in Vanessa Jopps „Der fast perfekte Mann“ zwar über reichlich Kameraerfahrung verfügte, aber mit seinem strahlend gesunden Kinderschokolade-Gesicht als widerspenstiger Rebell gegen ein autoritäres System eher ein Risiko darstellte. Das Wagnis hat sich für beide gelohnt. Brummund bekam für seinen ersten Kinofilm einen maximal wachen Schauspieler, der sämtliche Schattierungen seiner anspruchsvollen Rolle auszuspielen wusste. Hofmann durfte sich über den Bayerischen Filmpreis freuen und nicht zuletzt über eine Bühne, auf der er zeigen konnte, dass in dem hübschen Jungenkörper mehr steckt als nur der Wille zum schnellen Ruhm.

Von nun an ging es für den 1997 geborenen Kölner steil aufwärts. Mit der dänisch-deutschen Co-Produktion „Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet erwartete ihn erneut ein historisch belegter Kostümstoff, der nicht nur Louis Hofmann ein strapazierbares Nervenkostüm abverlangte. Erneut steht ein Überlebenskampf innerhalb einer Gruppe von Jugendlichen im Zentrum. Diesmal sind es deutsche Kriegsgefangene, die im Sommer 1945 dänische Strände mit bloßen Händen von Landminen befreien mussten. Erst allmählich dämmert es den Jungen, die sich nichts sehnlicher als nach Hause zu ihren Familien wünschen, dass ihre Überlebensaussichten in dem Himmelfahrtskommando gleich Null sind. In diesem Angstklima läuft Hofmann zur Hochform auf – ganz ohne lautstarke Gesten oder heldenhaften Körpereinsatz. Wieder übernimmt seine Figur die Führung. Fliehen ist keine Option. Sebastian stellt sich der Verantwortung für den Rest der Truppe. Es gelingt ihm, mit dem dänischen Aufseher zu kommunizieren und für die halbwüchsigen Individuen hinter den Uniformen Mitleid einzuklagen. Das erfordert Fingerspitzengefühl, jedes Wort könnte eine Überreaktion verursachen. Auch diese zwischenmenschliche Mine kann jeden Moment hochgehen. Selten sah man sich zwei Männer so misstrauisch und doch neugierig auf den Anderen beschnuppern wie in diesen „Thriller“-Szenen.

Der nächste Karriereschritt, in einem international besetzten Ensemble mitzuspielen, hat Hofmann bereits bewältigt. In „Jeder stirbt für sich allein“, der Verfilmung von Hans Falladas NS-Widerstandsgeschichte durch Vincent Perez, gesellt sich Hofmann zu Stars wie Emma Thompson, Brendan Gleeson oder Daniel Brühl (Kinostart: 17.11.). Da könnte die „Coming-of-Age“-Geschichte „Die Mitte der Welt“, die eine Woche früher ins Kino kommt, fast schon überflüssig sein, würde nicht Sabine Timoteo die Mutter des pubertierenden Teens spielen. Sie erinnert aber daran, dass Louis Hofmann gerade mal 19 Jahre alt ist. Ein wundersames Kind der Zukunft.

Filmtipps

Die Adaption von Andreas Steinhöfels Roman „Die Mitte der Welt“, in der Louis Hofmann die Hauptfigur verkörpert, startet am 10.11. in den Kinos. Am 17.11. folgt „Jeder stirbt für sich allein“ nach dem Roman von Hans Fallada, in dem Hofmann in einer Nebenrolle als im Krieg gefallener Sohn des von Emma Thompson und Brendan Gleeson gespielten Ehepaars zu sehen ist. Die Mark-Twain-Verfilmungen „Tom Sawyer“ & „Die Abenteuer des Huck Finn“ gibt es als Doppel-DVD (Anbieter: Twentieth Century Fox). „Freistatt“ ist auf DVD/BD erhältlich (Anbieter: Salzgeber). Am 22.9.2016 veröffentlicht Koch Media das Nachkriegsdrama „Unter dem Sand“.