»Die Idee des Kinosaals ist kein Selbstläufer!«

Claude Bertemes im Gespräch

Holger Twele, FILM-DIENST 1/2017


Ihre Projekte in der Cinémathèque der Stadt Luxembourg sind sehr überzeugend. Was kann heutzutage ein kommunales Kino leisten, um so eine vertikale Struktur im Programmangebot zu schaffen?

Bertemes: Ich denke, einige dieser Ideen lassen sich auch in kleinen kommunalen Kinos realisieren. Es muss keine großangelegte Retrospektive eines Regisseurs sein, das lässt sich auf gut ausgesuchte Filme reduzieren, die dann allerdings mit einer sehr zeitgemäßen Fragestellung verbunden sind. So könnte man einige Werke von Eisenstein mit der Fragestellung verknüpfen, was das Moderne an seinen Filmen ist oder welchen Bezug er zu den anderen Künsten hatte.

Kommt die digitale Cinéphilie gegenüber der klassischen nicht automatisch schlecht weg, da sie rhizomartig nur auf einer horizontalen Ebene stattfindet?

Bertemes: Ich verdamme die ­digitale Cinéphilie keineswegs! In meiner täglichen Arbeit ist für mich beides kompatibel. Aber man sollte sich der unterschiedlichen Formen bewusst sein, sich klar positionieren und das Profil schärfen. Wir arbeiten als Filmmuseum nicht im Netz, sondern in einem ­Kinosaal. ­Dennoch schätze ich die ­Möglichkeiten der digitalen Cinéphilie sehr. Auf beiden Ebenen lässt sich eine Filmkultur ­weiterentwickeln. Es stimmt mich jedoch melancholisch, dass die klassische ­Cinéphilie verschwinden könnte. In einem solchen Fall würde ich von Kulturverfall reden, denn dann verschwindet etwas Essenzielles. Ich bin selbst ein Kind der Postmoderne und kenne die Vorteile des Netzes und der wilden Assoziationen, also das kreative Potenzial des Rhizoms. Ich sehe das Horizontale eher als eine Beschreibung der Struktur und nicht im Sinn einer Verflachung. Man kann sich im Netz verlieren oder inspirieren lassen, beides ist möglich.

Mit einem Ihrer Projekte haben Sie das Jahrmarktskino wiederentdeckt. Warum ist es für Sie wichtig, sich dieser Wurzeln zu erinnern?

Bertemes: Ich denke, von diesem Jahrmarktskino – dem »Kino der Attraktionen« – führt eine direkte Linie zum heutigen Blockbuster-Kino mit seiner Konzentration auf Effekte und einer fast körperlichen Erfahrung von Kino. Damals waren es oft Knalleffekte, heute sind es Spezialeffekte. Insofern ging es bei diesem Projekt um die Ursprünge des Kinos und das heutige Kino gleichermaßen. Mich hat auch diese Kreativität des frühen Kinos begeistert, das bis heute seinen Charme hat.

Interessiert sich das junge Publikum heute noch für Filmklassiker?

Bertemes: Einem jungen Publikum muss man in jedem Fall Zugänge verschaffen, man darf ihm das nicht kommentarlos servieren. Ein großes Problem ist die Halbwertszeit von Filmklassikern im kollektiven Filmgedächtnis. Es gibt Filmklassiker, die bis heute den Saal füllen, während andere nur noch aus ihrer Entstehungszeit heraus nachvollziehbar sind, wie vielleicht Filme der Nouvelle Vague oder des Neuen Deutschen Kinos. Damals waren das Filme, die man einfach gesehen haben musste, heute ist das viel verwirrender, und es bedarf einer Aufklärung und der pädagogischen Filmbildung. Mit dieser Arbeit sollte man möglichst früh beginnen, wobei die Raumerfahrung, also der Kinosaal, eine wichtige Rolle spielt. Filmvermittlung (éducation à l’image) ist nicht nur für junge Leute wichtig. Der Mangel an Verständnis für das Medium Film gilt für Erwachsene genauso.

Fachleute prophezeien das Ende des bisherigen Kinos. Wie sehen Sie das?

Bertemes: Die Idee des Kinosaals ist kein Selbstläufer. Man darf sich nicht nur auf die soziale Komponente verlassen, das Gemeinschaftserlebnis, das gemeinsame Ausgehen etwa. Meine Projekte sind tatsächlich eine Reaktion darauf. Ich bin kein Prophet, aber ich weiß, dass es erheblicher Anstrengungen bedarf, um diese Projekte weiterzuführen. Aber ich bin auch sehr guter Hoffnung, zumal sich unsere Besucherzahlen so gut entwickelt haben, trotz und wegen der digitalen Cinéphilie, die unsere Programmarbeit besser gemacht hat, indem wir neue Programmstrategien entwickeln mussten.

Fällt auch der Filmvermittlung an den Schulen eine neue Aufgabe zu?

Bertemes: Bei unserem Projekt »Cinema Paradiso« sprechen wir ganz normale Leute und nicht die Schulen an. Wir bieten allerdings auch Schulvorstellungen, und unsere Jahresbroschüre wird an Schulen verteilt. Dahinter steckt die Idee, dass Kinder das zuhause ihren Eltern zeigen und zu Multi­plikatoren werden. Filmbildung an den Schulen ist machbar, das DIF in Frankfurt hat hier bereits sehr gute Ansätze entwickelt mit der Verbindung von Filmsehen und Filmpraxis. Bei uns in Luxembourg gibt es das Lux-Filmfestival, an dem wir mit beteiligt sind und das auch viele Angebote für Kinder und Schulklassen hat. In den Curricula ist Filmbildung bei uns allerdings noch nicht verankert. Ich denke da sehr pragmatisch und finde es schon gut, wenn Schüler plötzlich entdecken, dass es noch andere Kinoorte als das Multiplex gibt.

Welche Herausforderungen für eine vielgestaltige Filmarbeit sehen Sie für die nahe Zukunft?

Bertemes: Wichtig ist vor allem eine permanente Evolution. Angesichts der rasanten Entwicklung der medialen Szene muss man sich immer wieder selbst infrage stellen. Auch das Freizeitverhalten strukturiert sich stark um. Gleichzeitig möchte ich mir mehr Radikalität erlauben – im Sinn von Versuch und Irrtum. Es muss möglich sein, einfach mal etwas auszuprobieren, selbst wenn es dann scheitert. Auch unser Jahrmarktkino war zu Beginn eine völlige Schnapsidee, stumme Kurzfilme aus den ersten Jahren des Kinos einem großen Publikum präsentieren zu wollen. Aber wir haben es versucht. Und es hat geklappt.

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