Jordskott - Die Rache des Waldes: Staffel 1

Jörg Gerle, FILM-DIENST 14/2016


Das Kino ist voll von Geistergeschichten, paranormalen Aktivitäten und wackeligen Kamerabildern derer, die ihre Begegnungen mit dem Unerklärlichen semi-dokumentarisch festhalten wollen. Ausgerechnet aus Schweden, dem Land, das sich seit zwei Jahrzehnten mit düsteren Krimis hervorgetan hat, kommt nun ein Mehrteiler, der an Originalität und Atmosphäre im Kanon des Unheimlichen seinesgleichen sucht. Schon allein der Name lässt frösteln: „Jordskott“. Kalt, kantig, ohne erläuternden deutschen Untertitel. Seine Bedeutung könnte man am ehesten mit dem botanischen Begriff „Rhizom“ umschreiben, jenen Trieben also, mit denen manche Pflanzen den Boden durchstoßen, um sich zu verbreiten.

Das macht durchaus Sinn, denn die bislang zehnteilige Serie spielt in den schwedischen Wäldern. Diese sind hier nicht nur „Statisten“ für pittoreske Panorama-Shots; die Pflanzen greifen in „Jordskott“ vielmehr auf eigentümliche Art ins Geschehen ein. Fast könnte man an eine Variation von Don Siegels „Die Invasion der Körperfresser“ (fd 5915) denken, jenem Science-Fiction-Filmklassiker, in dem sich Pflanzen der Menschen bemächtigen. Solche Assoziationen drängen sich manchen der verstörend schön inszenierten Szenen durchaus auf. So begegnet man schon zu Beginn einem bleichen Mädchen, das im Wald aufgefunden wird. Im Krankenhaus, wo es zu neuen Kräften kommen soll, findet eine Schwester die Somnambule nachts am Fenster stehend, mit der Hand eigentümlich im Blumentopf der Zimmerpflanze verharrend.

Die Handlung spielt in und um das verschlafene Nest Silverhöjd. Ein Dorf inmitten von Wäldern, am Leben erhalten von der holzverarbeitenden Industrie. Die Firma Thörnblad Cellulosa und ihr Patriarch sind die Lebensader der Gegend. Doch nun ist der Herrscher tot. Unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, die wie so vieles aufgeklärt werden sollen. Deshalb kehrt auch die Polizeiinspektorin und Tochter des Toten, Eva Thörnblad, in ihr Heimatdorf zurück, das sie sieben Jahre zuvor eigentlich für immer verlassen hat, nachdem ihre eigene Tochter nahe eines pittoresken Sees spurlos verschwand. Sieben lange Jahre, in denen sie nie über den Verlust hinweggekommen ist und sich eher schlecht als recht in der Hauptstadt mit anderen unerquicklichen Fällen herumgeschlagen hat. Doch nun ist sie zurück und erlebt die Stadt mit ihren undurchsichtigen Bewohnern noch verstörender als zuvor. Es geschehen unerklärliche Dinge. Neue Kinder verschwinden, andere tauchen wieder auf. Fragmente mit bizarren Schriftzeichen führen Eva Thörnblad auf absonderliche Fährten. Und immer spielt der Wald eine tragende Rolle. Der Wald, der die Menschen fest im Griff zu haben scheint.

„Jordskott“ atmet den Geist von David Lynch. Verstörend ist das und wahrlich unheimlich. Der schwedische Regisseur Henrik Björn beweist ähnlich wie Lynch Mut zum realen Unerklärlichen. Mut zum Absurden. Und Mut zu einer Mischung aus Alltäglichem und Erschreckendem. In einer Mischung aus Krimi, Familiendrama und Märchen kriecht der Horror hier in jede Ritze. Selten hat man so viel Atmosphäre, so irritierend-schöne, in gewissem Sinne „kranke“ Bilder und ernsthaft-absurdes Unbehagen im Fernsehen gesehen.