11.22.63: Der Anschlag

Ulrich Kriest, FILM-DIENST 1/2017


Oliver Stone wird’s freuen: Noch immer scheint es die vornehmste Pflicht eines jeden anständigen weißen US-Amerikaners, der sich im Besitz eines Zeit-Portals befindet, den Mord an Präsident Kennedy am 22. November 1963 in Dallas zu verhindern und die Welt so zu einem schöneren Fleck zu machen. Umso mehr gilt dies, wenn, wie im Falle des Literatur-Dozenten Jake Epping (James Franco) eine umfassende Lebenskrise hinzukommt. Sein Zeitportal, hier schön »Rabbit Hole« genannt, befindet sich in der Besenkammer des altmodischen Diners, den sein Freund Al Templeton seit einer Ewigkeit führt. Und, klar, wie bei jeder anderen Zeitreise gilt es, ein paar Regeln zu beachten, deren widersprüchliches Ineinanderspiel dazu führt, dass eine Zeitreise nicht oder gerade aus dem Ruder läuft. Und dann ist da ja auch noch die Vergangenheit selbst, die dem Zeitreisenden mal mehr, mal weniger schmerzhaft zu signalisieren weiß, dass er »hier« nicht hingehört. Mit der achtteiligen Miniserie »11.22.63« hat der US-Streaming-Dienst »Hulu« der Konkurrenz ein schönes Stück Qualitätsfernsehen vor die Nase gesetzt, eine Stephen King-Verfilmung, produziert von u.a. J.J. Abrams und Kevin MacDonald und mit James Franco, Chris Cooper, Josh Duhamel, Daniel Webber und Sarah Gadon in den Hauptrollen. Betont langsam erzählt, widmet sich »11.22.63« nicht nur den üblichen psychologischen Verwerfungen eines Zeitreisenden, der so lange in der Vergangenheit lebt, dass er dort persönliche Beziehungen eingeht, sondern unterhält als mitunter komisches Period Piece, das Mythen und Medienbilder um den Kennedy-Mord und Lee Harvey Oswald kunstvoll innerhalb der Handlung noch einmal präsentiert und auch eine Studie in Sachen Kulturgeschichte ist. Denn nicht nur muss Epping sich auf die Gegebenheiten der guten, alten Zeit mit Mimikry einlassen, sondern entdeckt zugleich, dass hinter der Fassade des Normalen überall Rassismus, Gewalt und Bigotterie lauern. Für den Zuschauer sind die frühen 1960er-Jahre eben genauso weit entfernt wie für den zeitreisenden Protagonisten. Schließlich entzaubert der Film nicht nur jene Zeit, die diejenigen als rückwärtsgewandte Utopie erträumen, die glauben, Amerika qua Protestwahl wieder groß machen zu können, sondern sie macht auch Schluss mit der Vorstellung, dass die Dinge mit »JFK« sich zum Besseren entwickelt hätten.