Cinéphilie, damals und heute

Hat die Liebe zum Kino noch eine Zukunft? Eine Begegnung mit Claude Bertemes, dem Direktor der Cinémathèque in ­Luxembourg, stimmt hoffnungsvoll

Holger Twele, FILM-DIENST 1/2017


Seit 1997 ist Claude Bertemes Direktor der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg. Als Hauptgast beim 12. Bundeskongress der Kommunalen Kinos in Saarbrücken sprach er ausführlich zum Thema »Cinéphilie in der Kinopraxis«. Bertemes erzählte von seinen Erfahrungen und sprach über Projekte, wie sich das kulturelle Filmerbe heute noch gut vermitteln lässt. Der in Münster promovierte Kommunikationswissenschaftler ist davon überzeugt, dass die klassische Cinéphilie, so wie wir sie kennen, verschwinden wird. Und doch möchte er nicht in Kulturpessimismus verfallen: Die leidenschaftliche Liebe zum Kino ist zukunftsfähig!

Die ausgeprägteste Form der klassischen Cinéphilie gab es in den 1950er- und 1960er-Jahren in Paris – mit seinen Filmclubs, die wie religiöse Weihestätten wirkten. Neben der Cinemathèque Française und dem von Bertrand Tavernier geleiteten Club Nickelodeon, der eine starke Affinität zur französischen Filmzeitschrift »Positif« hatte, gab es noch eine dritte Gruppe: die Macmahoniens mit ihrem Kino Mac-Mahon ganz in der Nähe des Arc de Triomphe. Jede dieser Cinéasten-Gruppen hatte eine jeweils etwas andere Vorliebe für bestimmte Regisseure.

Der französische Regisseur Luc Moullet setzte 1989 mit seinem Film »Les sièges de l’Alcazar« dieser Leidenschaft, in der cinéphiler Filmbesuch und eigenes Filmschaffen nicht selten Hand in Hand gingen, ein humorvoll-ironisches Denkmal. In einer äußerst amüsanten Szene besucht der Held der Geschichte, der für die »Cahiers du Cinema« schreibt, im Stammkino Mac-Mahon den Film »Traviata ’53«, inszeniert vom damals hoch geschätzten italienischen Regisseur Vittorio Cottavavi. Damit er später den Hauptfilm schnörkellos und überwältigend genießen kann, setzt er sich in die erste Reihe, legt beim Vorprogramm Augenmaske und Ohrenstöpsel an. Beim Hauptfilm macht er sich Notizen mit einem Leuchtkugelschreiber, dem Merkmal des klassischen Cinéphilen schlechthin. Dieses dandyhafte, quasi fetischistische Verlangen nach dem Objekt »Film« ist nach Ansicht von Claude Bertemes, dem Direktor der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg, in der nachfolgenden Generation zurückgegangen. Damals wurden Philippe Garrel, Maurice Pialat, Jacques Rivette und andere wie Götter verehrt; geblieben sind die Philosophie der Überwältigung und eine hochgradige Selbstreflexion.

Das »kuratorische Prinzip« kommt zu kurz

Es entstand der Wunsch nach einem Filmkanon, ebenso das Bedürfnis, Filme nicht nur sehen, sondern unter Einbindung der eigenen Biografie und Identität auch über sie zu reden und diesen Diskurs dann zu veröffentlichen. Solche klassische Cinéphilie zeichnete sich dadurch aus, dass sie strukturiert und nicht bloß zufällig war, reflexiv und nicht bloß konsumistisch, biografisch notwendig und nicht bloß zufällig, passioniert, fetischistisch, nicht »nur« unterhaltend.

Mit dem Aufkommen der digitalen Cinéphilie, bei der theoretisch jeder Film zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar ist, änderte sich das grundlegend. Im Unterschied etwa zu Susan Sontag ist Claude Bertemes aber nicht der Meinung, dass die Cinéphilie damit gestorben ist. Schließlich gibt es auch bei der digitalen Cinéphilie Reflexivität und verschiedene Foren zum Austausch. Auch die eigene Erfahrung spielt weiterhin eine Rolle. Doch aus dem unstillbaren fetischistischen Verlangen nach dem Objekt ist, so Bertemes, in der digitalen Cinéphilie eine Technophilie geworden, bei der vor allem das Remastering und Dinge wie Spezialeditionen und Zusatzmaterialien auf DVD und Blu-ray zählen. Wie Suchfunktionen etwa bei Netflix oder Amazon zeigen, kommt das »kuratorische Prinzip«, das für Filmmuseen und Kommunale Kinos essenziell ist, viel zu kurz, Zusammenhänge zwischen einzelnen Filmen wirken relativ beliebig und oberflächlich – zumindest im Moment.

Demnach ist ein Algorithmus noch lange kein kuratorisches Prinzip. Die Filme, die man auf diese Weise findet, sind alle auf einer horizontalen Achse angelegt, kaleidoskopisch zusammengewürfelt. Die klassische Cinéphilie dagegen ist genealogisch, auf eine Abfolge bedacht, schafft lineare Beziehungen, Beeinflussungen und Autorenverweise. In der digitalen Cinéphilie gibt es dagegen kaum noch Traditionslinien, und historische Dimensionen fehlen. Von der Struktur her erinnert das an ein Rhizom, eine Wurzel, die sich horizontal verzweigt.

Kino ist nicht nur ­Leinwand, sondern Ra­um

Claude Bertemes hat aus diesen Erfahrungen seine Schlüsse gezogen. Beispielsweise den, dass die kommunalen Kinos hierzu eine Alternative anbieten sollten, ihr Profil schärfen und die klassische Cinéphilie stärken müssen. Bertemes bezeichnet das als Vertikalität, die in die Tiefe geht und eine andere Dimension hinzufügt. Auf diese Weise entstanden seine eigenen Projekte, die maximale Linearisierung mit maximaler Vertikalisierung verbinden. So steckt beispielsweise hinter dem Projekt »Université Populaire du Cinéma« die Idee, die Filmgeschichte in zehn Lektionen zu verschiedenen Themenfeldern wie Schauspieler, Filmgenre oder Filmsprache zu vermitteln. Diese Bereiche werden wiederum in ihren unterschiedlichen Aspekten beleuchtet, bis am Ende der ganze Film noch einmal analysiert wird, unter Einbindung des zuvor Gelernten. Andere Filmreihen in der Luxembourger Cinemathek nehmen das Jahrmarktskino oder Double-Features zum Ausgangspunkt. Auch kann man nach der Teilnahme an einer Reihe von Vorträgen und Filmbesuchen seinen »Doktor« der Cinéphilie machen. Des Weiteren gibt es für Kinder einmal wöchentlich das »Cinema Paradiso« mit kleinen spielerischen Einführungen zu den Filmen. Bei all diesen Projekten geht es Bertemes immer darum, das Kino nicht nur als Leinwand, sondern auch als Raum zu begreifen und historische Tiefenschärfe zu gewinnen. Ganz so, wie es die klassische Cinéphilie vorgemacht hat.

Im Kontakt mit dem Publikum

Die Cinémathèque de la Ville de ­Luxembourg wurde 1977 von der Stadt Luxembourg gegründet und bis 1996 von Fred Junck (bis zu seinem Tod) geleitet. Aufgabe des Kulturinstituts ist es, das internationale Filmerbe nicht nur zu archivieren, sondern es dem heutigen Publikum regelmäßig zu zeigen und zu vermitteln. Mittlerweile wurde eine Sammlung von mehr als 18.000 Filmkopien zusammengetragen – überwiegend keine Originale, sondern Verleiher-Kopien –, die durch zahlreiche Film­plakate und Fotos ergänzt wird. Klassiker und Raritäten der Filmgeschichte werden in täglichen Filmvorführungen im Kino am Theaterplatz (Place du Théâtre) zu neuem Leben erweckt und mit filmpädagogischen Aktionen dem Publikum nahegebracht. Die Cinémathèque hat neben ihrer kuratorischen Tätigkeit auch restaurierende Aufgaben, ist aber nicht für das Luxembourger Filmerbe zuständig; die obliegt dem später gegründeten Centre National de l’Audiovisuel (CNA).

www.cinematheque.lu

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