Das ­Mysterium »Léa Seydoux«

Annäherungen an eine ­faszinierende Schauspielerin

Michael Ranze, FILM-DIENST 1/2017


Sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern. So vielen, dass es mitunter schwerfällt, Léa Seydoux von einem Film zum nächsten wiederzuerkennen. Solche Wandelbarkeit ist eine der vielen Stärken der französischen Schauspielerin, sie zeigt aber auch ihren Mut zu immer neuen Figuren, Rollen und Charakteren, die sie souverän mit Leben zu füllen weiß. Wie aktuell in Xavier Dolans »Einfach das Ende der Welt« (Kritik).

Léa Seydoux – schön, rätselhaft, melancholisch, zornig. Diese Frau hat etwas, es ist mehr als nur Ausstrahlung und Präsenz, und man ist mit seiner Schwärmerei nicht allein. Spätestens seit »Blau ist eine warme Farbe«, also seit 2013, ist Léa Seydoux in Frankreich in aller Munde, ihr Gesicht ziert Modezeitschriften und Werbekampagnen, von Prada bis Gaultier. Seitdem häufen sich auch die Versuche, sich ihr mit Worten zu nähern, ihre Schönheit zu beschreiben, ihre Schauspielkunst zu etikettieren und ihr Geheimnis zu ergründen.

»Eine Haut wie Porzellan, Zahnlücke, kindliche Nase, eine eigenartig perfekte Erscheinung (…), sexy und jungenhaft, lässig und rebellisch«, meinte die französische Korrespondentin der »Zeit«. »Und diese seltsame junge Frau strahlt, nimmt die Leinwand in Beschlag, provoziert, zeigt dennoch Angst und Zweifel und drängt sich auf«, schreibt sie weiter, um dann, völlig entwaffnet, »ein Kinogenie« und »ein Mysterium« zu konstatieren. Joachim Hentschel erklärte sie in der »Süddeutschen Zeitung« zu »Frankreichs regierender Kindfrau«. Vergleiche mit Brigitte Bardot, Françoise Hardy, Vanessa Paradis und Laetitia Casta schließen sich an, Catherine Deneuve möchte man noch hinzufügen – und allen voranstellen. Fast hat man das Gefühl, als sei das Phänomen »Léa Seydoux« nicht zu greifen und erlaube nur durch das Anvisieren von bereits erschlossenen Fixpunkten eine unbestimmte Annäherung.

Vom »schönen Mädchen« zur kühlen Killerin

Léa Seydoux wird – am 1.7.1985 – in eine von Frankreichs großen Film-Dynastien hineingeboren: Ihr Großvater ist Jérôme Seydoux, früherer Geschäftsführer der Filmproduktionsgesellschaft Pathé, ihr Großonkel Nicolas Seydoux ist Geschäftsführer von Gaumont. Ihr Vater Henri ist Mitbegründer und Präsident von Parrot SA, einer Firma, die Geräte zur drahtlosen Kommunikation herstellt. Nicht zu vergessen ihre Mutter, die 1952 geborene Valérie Schlumberger, auch sie Spross einer Unternehmerfamilie. Zwei große, reiche, protestantische Familien, die alles andere als Normalität garantieren. Besonders die Mutter muss eine aufregende Frau sein, exzentrisch und frei, schön und unabhängig. Keine Mutter, die für den Alltag mit Kindererziehung und Schulaufgaben geschaffen wäre. Dafür ist sie viel zu viel unterwegs, etwa in Afrika, wo sie im Senegal eine Kinderhilfe aufbaute.

Für ihre Filmkarriere braucht Léa Seydoux keine Schützenhilfe des mächtigen Groß­vaters. 2006 beginnt sie mit der Schauspielerei, schon zwei Jahre später wird sie für Christophe Honorés »Das schöne Mädchen« für den »César« nominiert. In Jessica Hausners »Lourdes« (2009) spielt sie eine Malteser-Schwester. Zwischendurch immer wieder Nebenrollen in internationalen Produktionen. So ist sie in Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds« (2009) als Tochter jenes Mannes zu sehen, dem Christoph Waltz gleich zu Beginn so sehr zusetzt, in Ridley Scotts »Robin Hood« (2010) verkörpert sie die Prinzessin Isabella.

Größeren Eindruck hinterlässt sie dann als kühle Killerin in »Mission Impossible: Phantom Protokoll« (2011), dem vierten Abenteuer der Serie. Mit kaltblütiger Grausamkeit geht sie bei hellem Tageslicht, unscheinbar in einen grauen Mantel gehüllt, die Hände in den Taschen vergraben, auf einen Gegenspieler zu – und erschießt ihn blitzschnell, um dann, als sei nichts gewesen, zu verschwinden. Vielleicht hat sie diese Rolle für das Bond-Girl mit dem schönen, anspielungsreichen Namen Madeleine Swann in »Spectre« (2015) prädestiniert. Léa Seydoux ist hier nicht willige Gespielin des 007-Agenten, sondern tatkräftige Frau auf Augenhöhe. Es gelingt ihr als eine der wenigen, James Bond emotional aus der Reserve zu locken. »Bond Bombshell« lautete die Zeile der britischen »Vogue«, die zum Start von »Spectre« erschien – mit Léa Seydoux auf dem Titel. Eine originelle Verballhornung des Klassikers »Blonde Bombshell«, in dem Jean Harlow sich als Star im Filmgeschäft behaupten musste. Kühl und streng, schön und begehrenswert, mit akkurat gescheitelten, vollen blonden Haaren schaut Léa Seydoux den Leser an. Doch kaum hat man das Heft aufgeschlagen, räkelt sie sich in einem hautengen, schwarz-glänzenden Lack-Catsuit auf einem Sessel. Die nächste Doppelseite zeigt sie gleich zwei Mal in einem Leder-Overall, von vorne und von hinten, stehend, die Hände am Hinterkopf verschränkt, das Gewicht auf ein Bein verlagert. Die Schauspielerin scheint diese Posen, die sowohl Gefahr als auch Dominanz ausstrahlen, zu genießen. »Die Seydoux« als Fetisch-Model, als Sex-Symbol, dem etwas Unnahbares und Abweisendes anhaftet. Keine Frau für den Alltag, eher ein Fantasie-Geschöpf.

Vom jungenhaften Kobold zur skeptischen Beobachterin

Für ihr Rollenprofil gilt das zum Glück nicht immer. In Woody Allens »Midnight in Paris« (2011) spielt sie gänzlich unglamourös und natürlich eine schöne Pariserin, die Owen Wilson auf dem Flohmarkt kennen lernt. Eigentlich steht der Drehbuchautor bereits zwischen zwei anderen Frauen, seiner zickigen Verlobten und der von Marion Cotillard gespielten schönen Muse, die freilich aus einer vergangenen Zeit stammt. Léa Seydoux hingegen ist zu haben, im Hier und Jetzt, und während sie mit Owen Wilson nachts auf dem Pont Alexandre III steht, umschmeichelt die Kamera sie förmlich. Plötzlich regnet es, und man weiß, dass Owen Wilson sich richtig entscheiden wird.

Dann »Blau ist eine warme Farbe«: Mit ihren kurzen, blauen Haaren sieht Léa Seydoux als Emma fast aus wie ein jungenhafter Kobold, und wenn sie Adèle, dargestellt von Adèle Exarchopoulos, zum ersten Mal begegnet, drücken ihre langen, unverwandten Blicke Begehren und Sehnsucht aus. Die Lust aufeinander ist unverstellt, erst später bauen sich durch unterschiedliche Bildung – Adèle will Lehrerin werden, Emma forciert ihre Karriere als Künstlerin – sowie ein gegensätzliches Umfeld Barrieren auf. Die sehr freizügigen Sex-Szenen, wegen ihrer Explizität vielfach auch als problematisch wahrgenommen, zeugen vom Mut der Schauspielerin, aber auch ihrer Hingabe an das Konzept des Regisseurs. Beide Darstellerinnen und der Regisseur, Abdellatif Kechiche, wurden 2013 bei den Filmfestspielen von Cannes mit der »Goldenen Palme« ausgezeichnet.

In »Leb wohl, meine Königin!« (2012) spielt sie Sidonie Laborde, die Vorleserin von Königin Marie Antoinette. Aus ihrer Sicht ist der Film erzählt, aus ihrer Perspektive sieht der Zuschauer, wie in diesen Tagen und Wochen der Französischen Revolution Nachrichten durchsickern, die Geschäftigkeit im Palast mit Fluchtplänen und Vorbereitungen vehement zunimmt. Immer wieder sieht man Léa Seydoux, wie sie Türspalten zum Spionieren nutzt oder Vorhänge leicht zur Seite schiebt. Eine skeptische Beobachterin, der die Zusammenhänge verborgen bleiben. Offensichtlich liebt sie ihre Königin, so wie Marie Antoinette die Duchesse de Polignac begehrt. Am Schluss muss Sidonie sogar in die Rolle der Duchesse schlüpfen, um sie so zu retten. Eine undankbare Maskerade, der Léa Seydoux so etwas wie Würde verleiht.

Von der blassen Schönheit zur verlorensten Figur

In »Die Schöne und das Biest« (2013), Christophe Gans’ Verfilmung des berühmten Märchens, ragt Léa Seydoux aus all dem computergenerierten Pomp heraus. Wunderschön ist sie hier mit den schulterlangen, blond gelockten Haaren, die mit einem Reif gebändigt werden müssen, und dem makellos geschnittenen Gesicht, dessen Blässe Zurückhaltung signalisiert. Auch die Kleider, lang und wallend, mit aufgebauschten Armen und tiefem Ausschnitt, betonen ihre Schönheit und Stärke.

In Wes Andersons »Grand Budapest Hotel« (2014) ist Léa Seydoux eine von vielen. Als »femme de ménage« namens Clotilde fügt sie sich mit weißem Häubchen und schwarzer, streng geschnittener Dienstkleidung perfekt ins skurrile Universum des Regisseurs. Auch in Yorgos Lanthimos’ »The Lobster« (2015) spielt sie nur eine Nebenrolle als »Loner Leader«, die in einer Szene in einem unförmigen, flaschengrünen Regencape ein Schwein an der Leine führt. Auch das muss man können, ohne lächerlich zu wirken.

Und nun »Einfach das Ende der Welt«, der neue Film von Xavier Dolan. Léa Seydoux spielt die Schwester eines jungen Schriftstellers, der nach zwölf Jahren überraschend nach Hause, zu seiner Familie, zurückkehrt. In die Freude über das plötzliche Wiedersehen mischt sich Unverständnis über den abrupten Bruch, ebenso Trauer über die verlorene Zeit, in der man sich hätte besser kennen lernen können. Zahlreiche Zeitungsartikel über ihren Bruder hat sie ausgeschnitten und aufgeklebt und ihn so zur Legende erhoben. Dass sie die Trennung vom Bruder nie verwunden hat, bezeugt das verhärmte und traurige Gesicht von Léa Seydoux. Sie ist die verlorenste Figur des Films.

Filme mit Léa Seydoux (Auswahl)

Das schöne Mädchen, 2008

Inglourious Basterds, 2009

Lourdes, 2009

Plein Sud – Auf dem Weg nach Süden, 2009

Falsches Spiel, 2010

Robin Hood, 2010

Spurlos, 2010

Midnight in Paris, 2011

Mission: Impossible – Phantom Protokoll, 2011

Leb wohl, meine Königin!, 2012

Winterdieb, 2012

Blau ist eine warme Farbe, 2013

Die Schöne und das Biest, 2013

Grand Central, 2013

Grand Budapest Hotel, 2014

Saint Laurent, 2014

Spectre, 2015

The Lobster, 2015

Einfach das Ende der Welt, 2016