Die Welt hinter der Oberfläche

Begegnung mit Carlos Saura aus Anlass seines 85. Geburtstags

Wolfgang Hamdorf, FILM-DIENST 1/2017


Am 4. Januar 2017 feierte der spanische Regisseur Carlos Saura seinen 85. Geburtstag. Und immer noch ist der Meisterregisseur höchst aktiv: Erst vor wenigen Monaten stellte er seinen Dokumentarfilm »Jota de Saura« fertig, derzeit beantragt er Filmförderung für seine nächsten Spielfilmprojekte: zu Picassos »Guernica« sowie über Philipp II.

»Wir haben einen ganz besonderen Humor in Aragón, einen trockenen Sarkasmus«, sagt Carlos Saura und lächelt verschmitzt. Aus Aragonien, Sauras Heimatregion, stammen auch Luis Buñuel und der Maler Francisco de Goya, aber mit dem Ruhm, so Saura, sei das so eine Sache: »Eine Anekdote erzähle ich immer wieder. Ich war ja Jahre lang mit Geraldine Chaplin zusammen, und eines Tages waren wir in einem kleinen Dorf, und da schreit eine Frau ganz aufgeregt: Schau mal, schau mal, da ist die Tochter von Dick und Doof. Das mit dem Ruhm ist doch sehr relativ.«

Allegorien auf Krieg, Gewalt, Diktatur

Carlos Saura wurde 1932 als Kind einer bürgerlichen, künstlerisch ambitionierten Familie geboren, er hatte zwei Schwestern sowie einen Bruder, den Maler Antonio Saura. Er selbst hat sieben Kinder von vier verschiedenen Lebenspartnerinnen, sein ältester Sohn ist inzwischen 60 Jahre alt, die jüngste Tochter gerade mal 26 Jahre. Den allwissenden Patriarchen mochte er indes nie spielen: »Ich habe Kinder aus vier Generationen. Mit welcher von denen soll ich denn den Generationskonflikt haben?« Man sieht ihm sein Alter nicht an, seine Neugierde hat ihn jung gehalten. Immer noch ist er einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Filmemacher Europas. Interesse hat er bis heute an allen künstlerischen Ausdrucksformen, er fotografiert, inszeniert Opern und Theater, er schrieb einen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg. Dabei ist Saura alles andere als ein Perfektionist, in seinen Filmen probiert er stets aufs Neue unterschiedlichste Darstellungsformen aus: »Neue Technologien haben mich immer weitergebracht, andere Filmemacher hat es eher gebremst. Truffaut hat einmal gesagt, er könne keinen Film auf Videomaterial machen, weil er das Filmmaterial in der Hand spüren müsse. Ich habe damals schon gedacht: Hoffentlich muss ich dieses Filmmaterial bald nicht mehr in der Hand spüren!«

Als Kind erlebte Saura den Spanischen Bürgerkrieg und damit den Riss durch die eigene Familie. In vielen seiner Filme beschwört er diese Erinnerungen, das Drama von Militärputsch, Bürgerkrieg und Diktatur: »Der Bürgerkrieg hat von Anfang an immer eine große Rolle in meinem Werk gespielt. ›Die Jagd‹ ist eine Allegorie auf den Krieg, auch ›Die Cousine Angelica‹ oder ›Der Garten der Lüste‹, immer aber verschlüsselt: Ich durfte in diesen Jahren nicht direkt über den Spanischen Bürgerkrieg sprechen, schon gar nicht aus der Perspektive der Besiegten, der Verlierer.« In seinen Filmen, die während der Franco-Diktatur in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren entstanden, spiegelte Saura die spanische Gesellschaft über skurrile, böse und gewalttätige Geschichten aus dem Bürgertum, in dunklen psychologischen Märchen, in denen die kindliche Wahrnehmung immer auch für die politische Unterdrückung steht. So eskalierten etwa in »Die Jagd« (»La caza«, 1965) die unterschwelligen Konflikte zwischen drei Männern auf gewalttätige Weise. Misstrauisch verfolgte die Zensur seine Filme, der geschiente Arm eines Falangisten in »Die Cousine Angelica« (»La prima Angelica«) erinnerte einen Zensor an den Hitler-Gruß, faschistische Schlägertrupps attackierten die Kinos, die den Film zeigten. Doch bereits 1975, als Franco im Sterben lag, kündigte der populäre Schlager »Por qué te vas« (Warum gehst du?) in »Züchte Raben« (»Cria Cuervos«) ironisch das Ende der Diktatur an.

Tanz zwischen Himmel und Erde

Nach Francos Tod und dem Ende der Zensur zeigte sich offen der ganze Facettenreichtum Sauras: In »Los Tempo« (»Deprisa, Deprisa«, 1981) inszenierte er Leben und Sterben krimineller Jugendlicher in den Madrider Vorstädten, in »Goya« (1999) die Träume und Albträume des großen spanischen Malers am Ende seines Lebens im französischen Exil. Immer wieder versuchte sich Saura auch an Genrefilmen wie »Taxi«, »Dispara« und anderen, allerdings mit eher mäßigem Erfolg.

International erfolgreich waren vor allem seine Musik- und Tanzfilme: Mit »Bodas de Sangre« (»Bluthochzeit«, 1981), »Carmen« (1983) und » El amor brujo« (»Liebeszauber«, 1986) adaptierte er mit dem Tänzer Antonio Gades drei literarische Klassiker als modernes Flamenco-Tanztheater. Auch in weiteren, meist dokumentarischen Filmen setzte er sich mit ungewöhnlichen filmischen Mitteln mit den drei großen Fusionsmusiken auseinander, in »Flamenco« (1995), »Tango« (1998) und »Fados« (2007). Saura: »Der Tango ist für mich eine ganz wunderbare Musik zum Tanzen. Ich liebe auch den gesungenen Tango, aber die Choreografie, die der Tango erlaubt, ist unglaublich. Der Flamenco hat alles: diese Nostalgie, diese Traurigkeit, andererseits kann er auch sehr fröhlich, sehr optimistisch sein, und der Tanz ist ganz wunderbar, weil er zwischen Himmel und Erde schwebt. Der Fado ist eine ganz einzigartige, melancholische Musik, die die Trauer über die unzähligen Verluste ausdrückt, die zahllosen Menschen, die Portugal im Laufe der letzten Jahrhunderte verlassen mussten.« Sein neuer Film »Jota de Saura« reiht sich in diese lange Reihe hervorragender Musikdokumentar-, ja fast Essayfilme ein.

Die Filme von Carlos Saura sind immer wieder anders. Das Experiment, das Spiel mit Licht, Farbe, Ton, aber auch mit der Filmtechnik begeistern ihn, stets ist er auf der Suche nach neuen Darstellungsformen. Die klassischen, konventionellen Kinoerzählungen langweilen ihn: »Kino soll die Vorstellungskraft anregen, da stehe ich in einer Linie mit Buñuel, Fellini und Bergman. Als wir Kinder waren, hat man uns erklärt, Wirklichkeit sei nur das, was man vor seinen Augen habe. Aber wenn du älter wirst, merkst du, dass diese Realität viel komplexer ist, als du denkst. Da kommen Erinnerungen, Ängste und Erfahrungen hinzu, oder einfach deine Wünsche und Vorstellungen. Diese Welt hinter der Oberfläche hat mich immer besonders interessiert.«