Hindafing

Katharina Zeckau, FILM-DIENST 13/2017


Unnachahmlich knappe Dialoge, wie sie vielleicht nur das bayerische Idiom zustande bringt: »Wos is’n des?«, fragt der Hindafinger Großmetzger Sepp Goldhammer, als er den Bürgermeister Alfons Zischl und den Ortspolizisten Erol nächtens am lokalen Wasserreservoir mit einem eindeutig als menschlichen Körper zu identifizierenden Paket erwischt. »Wos is wos?«, fragt Zischl zurück. Um schließlich doch noch hinzuzufügen: »Des is nix!«

»Hindafing« ist ein wunderbarer Glücksfall, eine Serie so abgründig, witzig und gegen den fernsehüblichen Strich gebürstet, dass man kaum glauben mag, dass tatsächlich der BR dahinter steckt. Schließlich kennt man den Sender vorrangig als Produzenten von weißblauen Seichtigkeiten wie der Dauerserie »Dahoam is Dahoam«. Vom dortigen Setting könnte das von Niklas Hoffmann, Boris Kunz und Rafael Parente gemeinsam geschriebene »Hindafing« kaum weiter entfernt sein: ein farbloser, trister Ort zwischen Autobahnen, zersiedelten Landschaften und Industrieruinen. Nicht pittoreske Milchviehbetriebe oder eine hübsche Dorfkirche prägen den fiktiven Ort, sondern ein dubioser Großschlachtbetrieb und der hässliche Rathaus-Betonklotz, in dem Bürgermeister Zischl residiert. Und erst der Himmel: Der ist hier grau oder vielleicht auch mal weiß – aber niemals, wirklich niemals weiß-blau.

Was nun ganz und gar nicht bedeutet, dass hier nicht der typisch süddeutsche Größenwahn zuhause wäre: Zischl hat mit einem gigantischen Windrad-Projekt bereits viel Geld in den Sand gesetzt, weshalb er der strukturschwachen Gemeinde nun mit dem Bio-Einkaufscenter »Donauvillage« zu neuem Glanz verhelfen möchte. Blöd nur, dass der leicht korrumpierbare, Crystal Meth schnupfende Bürgermeister innerhalb kürzester Zeit vom halben Ort erpresst wird und sich zunehmend im Netz seiner zahlreichen Intrigen und Amigo-Geschäfte verheddert. Maximilian Brückner spielt diesen zwischen Selbstüberschätzung und Verzweiflung hin und her strauchelnden Lokalpolitiker großartig: Stets leicht nervös, mal aalglatt, dann wieder fast offenherzig – aber immer von der Sehnsucht getrieben, das ganz große Rad zu drehen.

Mitleid muss man mit diesem rückgratlosen Hallodri nicht haben, im Gegenteil: Es macht einen Heidenspaß, Zischl dabei zuzusehen, wie er sich immer noch weiter in den Abgrund manövriert, wo man doch schon längst meinte, bereits am Tiefpunkt angelangt zu sein. Die Zuneigung des Zuschauers gehört ihm dennoch ganz und gar. Auch dem Rest des Casts gelingt es bravourös, die durchweg ambivalent angelegten Figuren glaubhaft zum Leben zu erwecken. So vermögen auch die weit verbreitete Hinterfotzigkeit und die mitunter recht rabiate Verfolgung der jeweiligen Eigeninteressen die Sympathien fürs Hindafinger Personal nur unwesentlich zu schmälern. Das liegt nicht zuletzt an der recht lakonischen, gänzlich unsentimentalen Erzählhaltung, die selbst große Themen wie Gammelfleisch, Schwarzgeldgeschäfte, Drogenhandel und Flüchtlinge leicht und beiläufig zu integrieren weiß. In »Hindafing«, das mit seinem Figurenarsenal und schwarzen Humor ein wenig an die österreichische Serie »Braunschlag« erinnert, in diversen Details und Stimmungen aber auch auf US-Serien wie »Breaking Bad«, »Fargo« oder »Twin Peaks« verweist, werden (Fernseh-)Sehgewohnheiten unterlaufen, dass es eine wahre Freude ist. Dazu kommen eine hohe Dosis hintersinnigen Humors, die wahnsinnig komische Katz-und-Maus-Beziehung zwischen Bürgermeister und Dorfpolizist, eine liebevoll gestaltete Bildsprache und dazu noch richtige Cliffhanger am Ende jeder Folge. All dies tröstet auch über die etwas enttäuschende, allzu abstruse sechste (und bislang letzte) Folge hinweg. Ansonsten gilt: Eine kleine Straffung hie und da, und man könnte »Hindafing« ein kleines großes Meisterwerk nennen.