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Western & Film noir: Haben die Essenzen des alten Kinos noch einen Platz im aktuellen Film?

Christoph Hochhäusler, FILM-DIENST 18/2017


Tag. Ein Mann in weiter, staubiger Landschaft. Er bewegt sich langsam auf uns zu, aber wir haben Schwierigkeiten, unter dem Staubtuch sein Gesicht auszumachen. Jetzt erkennen wir: Er trägt schwer an einem Sattel. Irgendwie muss ihm sein Pferd abhanden gekommen sein.

Nacht. Eine Frau auf regennasser Straße. Harte Schatten zerschneiden sie in zwei Teile: Gesicht – und Unterleib. In ihrer Hand glänzt ein metallischer Gegenstand. Sie bückt sich – und lässt die Pistole im Straßenablauf verschwinden.

Zwei generische Bilder aus dem Gedächtnis des Kinos. Ein Western, ein Noir. Einmal Himmelszelt, einmal Dickicht der Städte. Ein Mann ohne Namen und eine Frau mit Vergangenheit.

Warum ziehen mich diese Urbilder so an? Warum sind sie so wirkmächtig? Vielleicht, weil ich im Kino von einem elementaren Leben träume, einem Leben, das sich aus existenziellen Momenten zusammensetzt.

Ganz Angst sein, ganz Freude, ganz Schmerz – das sind Zustände, die im Kino besonderen Glanz für mich haben. Während ich im Alltag Risiken bürokratisch einhege, Entscheidungen portioniere, den Kalender und die Bedürfnisse anderer im Blick, kann ich mich im Kino der reinen Gegenwart hingeben.

Das Kino ist somit ein Ort, eine Entfremdung zu betrauern, die den Film erst hervorgebracht hat. Eine arbeitsteilige Gesellschaft produziert arbeitsteilig Bilder einer Zeit jenseits der Zeit, jenseits sozialer Bedingtheiten auch. Traumbilder von einem einfachen Leben, kompliziert hergestellt. Wir sehnen uns nach dem Gegenteil.

Der Film, eine sehr städtische Kunst, hat von Anfang an die Wildnis beschworen. Auch die Sehnsucht, die unser Computerleben produziert, dreht sich um Tiere und Bäume, um Wind in den Haaren, Rauch und Dampf und Regen, um den Abdruck von Gras auf den Beinen, auch um Sex und Tod, natürlich.

Ich will Filme machen, die ich selbst im Kino vermisse, die es (noch) nicht gibt – mit dieser Formel habe ich oft zudringliche Fragen nach dem Warum meiner Filme abgewehrt. Aber mit einfach, archaisch, existenziell sind meine bisherigen Filme schlecht beschrieben. Staub, Schweiß und Schmerz sind Mangelware.

Das könnte sich in den kommenden Filmen ändern – ich entwickle eine ganze Reihe von Stoffen, die in diese Richtung gehen –, aber zugleich bin ich skeptisch, wie weit es trägt, sich ein anderes Kino zu wünschen. Filme sind bis zu einem gewissen Grade notwendig unwillkürlicher Ausdruck. So sehr die Filmemacher nach Kontrolle streben, so wenig darf ihnen die Form gehorchen.

Ist ein Western oder Noir heute nicht automatisch Neo-? Anders gesagt: Muss der Erzähler nicht vor allem darauf achten, dass die Dinge richtig klingen, hier und heute? So sehr ich für den Western, den Film noir schwärme: einen Neo-Noir, einen Neo-Western würde ich nicht machen wollen, das wäre eine Rahmung zu viel.

Die Frage wäre also, wo die Essenzen des Kinos, die mich in den alten Filmen so anziehen, in meinem Kino ihren Platz finden könnten. Ohne falsche Anleihen.

Ich glaube, die Antwort hat unbedingt damit zu tun, bestimmte Realismuskonventionen – die übrigens im so genannten Arthouse besonders zählebig sind – durch ein neues allegorisches Erzählen zu überwinden.

Ein Erzählen also, das nicht „authentisch” sein will, sondern das wahr wird in der Verwandlung durch den Zuschauer. Ein Kino, das viel stärker als meine Filme bisher mit Rohstoffen, Urbildern, Körpern arbeitet, aber stets mehr ist als die Sehnsucht nach der kinematografischen Antike.

Gestern haben wir mit der Verwandtschaft, die zu Besuch war, den Berliner Dom besichtigt – ein Bauwerk, das ich herzlich hasse. Die Frage, warum es Anfang des 20. Jahrhunderts (der Dom wurde erst 1905 fertiggestellt) nicht mehr möglich war, überzeugend barock zu bauen, hatte ich dabei immer im Hinterkopf.

Die Antwort ist verzwickt. Natürlich kann man das Talent des Architekten in Zweifel ziehen oder die Repräsentationsbedürfnisse von Wilhelm II., aber das trifft nicht den Kern des Problems. Mir scheint, der Aufwand, den der Dom formal betreibt, thematisiert bereits die eigene Krise der Form. Die Souveränität, mit der Raschdorff über das architektonische Vokabular der Hochrenaissance und des Barock verfügt, macht die alten Formen zur Verfügungsmasse eines Dekorationsbedürfnisses. Er ringt nicht um Form, sondern um Wirkung. Das Ergebnis ist Kitsch.

Gibt es auch im Kino anachronistische Dombauten? Mit Sicherheit. Aber zugleich erscheint mir Eric Rohmers Satz, wonach das Kino die einzige Kunst sei, bei der die Türen in die Vergangenheit offen blieben, durchaus zwingend. Das könnte heißen: Ja, wir können Western drehen bis ans Ende aller Tage, aber die alte Form muss immer wieder neu gedacht und neu empfunden werden. „Nur das, was man schon vergessen hat, ist wirklich neu.” (Mademoiselle Bertin)

Meine Filmografie kann man bisher an einer Hand abzählen. Ich bin gespannt, ob ich mit der anderen Hand dem Ideal eines einfachen, aber dabei ganz gegenwärtigen Kinos näher kommen kann.

Christoph Hochhäusler

Geb. 10.7.1972 in München. Regisseur, Autor, Publizist, Gründer und Mitherausgeber des Filmmagazins „Revolver“.

Filme u.a. „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Dreileben – Eine Minute Dunkel“ (2010), „Die Lügen der Sieger“ (2014).