The Crown - Staffel 1

Kathrin Häger, FILM-DIENST 1/2017


Langsam schält es sich aus der Dunkelheit. Das flüssig glänzende Gold, das sich wie gierige Tentakel langsam zu einer immer festeren Krone formt. Schwer, mächtig, unbiegsam ist diese Krone, auf der ein dickes, vom Gegenlicht umschmeicheltes Kreuz thront, bevor sich zu den erhabenen Klängen von Hans Zimmer der Titel durch das Schwarz bricht: »The Crown«. Besser könnte ein Vorspann die Bürde dieser Herrschaftsinsignie kaum einfangen, die im Jahr 1953 auf dem Kopf einer jungen Frau landen sollte, die sich dafür eigentlich noch gar nicht bereit fühlte: Queen Elisabeth II.

Die Last der Krone beginnt für die junge Frau jedoch nicht mit der Inthronisierung, sondern schon im Jahr 1947; mit der Heirat zwischen Elisabeth und Prinz Philip, ehemaliger Prinz von Griechenland und Dänemark, jetziger Duke of Edinburgh. Dieser von oben abgesegneten Ehe, die sich schon bald als schwierig erweist, ging in der Windsor-Familie eine unmögliche Liebe voran, die jedoch glücklich bleiben sollte: In Rückblenden entfaltet sich das Drama von Eduard VIII., der die Thronfolge aufgrund seiner Liebe zur zweimal geschiedenen (und deswegen nicht Königshaus-tauglichen)Amerikanerin Wallis Simpson an seinen Bruder Albert weitergab. Es entspinnen sich die letzten Jahre der Regentschaft von Elisabeths Vater, Georg VI., bis zu seinem Tod. The King is dead, long live The Queen! Zu Beginn ist Elisabeths Regentschaft von einer kompetitiven Symbiose mit Winston Churchill geprägt. Sie wird mit dem von Churchill unter den Tisch gekehrten Nebel konfrontiert, der sich 1952 tagelang wie ein von Kohlepartikeln gewebter Umhang des Todes über London legen und insgesamt 12.000 Menschenleben fordern sollte. Ihre Integrität als Schwester und Ehefrau wird von der Liebe Prinzessin Margarets zum geschiedenen Hofstallmeister Peter Townsend und von Philips Unwillen, sich unterzuordnen, auf die Probe gestellt – exemplifiziert durch einen Kniefall, der eine eheliche Abwärtsspirale einläutete.

So zumindest erzählt es die über 100 Millionen Pfund teure Netflix-Produktion, die von »Die Queen«-Drehbuchautor Peter Morgan geschrieben wurde. Regie führte bei den ersten beiden Folgen Stephen Daldry, der bereits in »Billy Elliot« und »The Hours« unter Beweis stellte, wie feinfühlig er Gender-Klischees durch die Berufung seiner Figuren zu konterkarieren versteht. Und tatsächlich liegt es auf der Hand, dass Morgan hier eine Art Vorgeschichte zu »Die Queen« entwickelt, wenn man in Claire Foys Gesicht sieht, das immer ausdrucksloser wird, umso öfter ihre Elisabeth die eigenen Interessen und die ihrer Liebsten für den Schutz der Monarchie hintenanstellen muss. Nicht zuletzt wird hier die Entwicklung eines Charakters eingeläutet, der das Volk nach dem Tode Dianas in seiner Unnachgiebigkeit schockierte. Morgan etabliert eine junge Frau, die zwischen Pflichterfüllung und Privatleben zerrieben und von den erzkonservativen Leitlinien der Church of England, der die Queen als weltliches Oberhaupt vorsteht, fast erdrückt wird. Und über all dem schwebt die von ihren Liebsten oftmals wiederholte Hoffnung, dass sich die Zeiten, die Menschen und die Moral doch vielleicht geändert haben könnten.

Fantastisch ausgestattet und besetzt, besticht »The Crown« vor allem dadurch, dass hier akkurat und doch höchst spannend und auch berührend von einer Zeit erzählt wird, die geschickt Bezüge zur jüngsten Vergangenheit zulässt. Von einer Zeit, als die Paparazzi lieber den Hut abnahmen, als die Kamera zu zücken. Von einer Zeit, in der der Rassismus in den sich lossagenden Commonwealth-Staaten allzu spürbar war, und in der die Probleme mit Ägyptens Revolutionär Nasser sich an vermeintlichen Beleidigungen aufhingen, wie sie auch heute gerne vorgeschoben werden. Was jedoch alles durchzieht, das sind die Motive Popularität und Macht, an die sich Churchill klammert und die auch Elisabeth von Mann und Schwester abzuspalten drohen. Das nämlich ist die wahre Bürde der Krone, die zu Beginn jeder Folge vom Bildschirm prangt und die das packende Polit- und Familiendrama nie aus den Augen verliert: Die Opfer, die eine kluge Frau in der Vorhölle höfischer Etikette erbringen muss, um von ihrem Volk als menschliche »Göttin« geliebt und irgendwann gehasst zu werden.