40 Tage in der Wüste

Über die Versuchung Jesu in der Wüste berichten die Evangelisten Matthäus und Lukas; bei Markus steht dazu nur ein Satz. Der Film von Rodrigo García, dem Sohn des Schriftstellers Gabriel García Márquez, ergänzt die Versuchungsgeschichte um eine Begegnung Jesu, der hier Yeshua heißt, mit einer Familie.

40 Tage in der Wüste



Der Film ist eine Art apokryphes Evangelium, das zwei Dimensionen entfaltet: der Versucher stellt die Beziehung Yeshuas zu Gott auf die Probe, die Begegnung mit der Familie ist eine Art „Probelauf“ für sein Heilswirken in Bezug auf die Menschen. Der Versucher verknüpft beides. Wenn Yeshua den Konflikt dieser Familie lösen kann, werde er ihn in Ruhe lassen.

Die Situation scheint kompliziert: Der Vater hat seine erste Frau früh verloren, eine jüngere Frau geheiratet und mit 47 Jahren einen Sohn bekommen. Seine zweite Frau ist nun sterbenskrank, und er ist dabei, für den Sohn ein Haus zu bauen, damit dieser in der Wüste bleibt. Der Sohn aber lehnt das ab; ihn zieht es in die Welt hinaus. Yeshua ist bemüht, in der kurzen Zeit, in der er das Leben der Familie teilt, offen zu sein für das, was jeden Einzelnen belastet.

Der Konflikt löst sich, aber nicht im Sinne eines Happy Ends für alle Beteiligten. Der Vater stürzt in einem dramatischen Finale von einem Berg ab, wobei unklar bleibt, ob er den Tod willentlich in Kauf genommen hat, um den Sohn freizugeben. Dass der Sohn seinen Vater nicht hasst, wird deutlich, wenn er den Leichnam wäscht und seine Zuneigung bei jeder Berührung spürbar wird. Als der Sohn die Wüste verlässt, nimmt er die Asche seines Vaters in einem Brustbeutel mit sich.

Eine Schlüsselstelle liegt genau in der Mitte des Films und wird durch einen auffällig langen Dialog zwischen Yeshua und dem Versucher in einem sonst extrem wortkargen Film markiert. Die Welt, so behauptet der Versucher, sei nichts anderes als die endlose Aneinanderreihung von immer gleichen Geschichten, die mit kleinen Variationen von einem Schöpfer durchgespielt werden, der an seinen Geschöpfen nicht interessiert sei.

Die Beziehung zwischen Yeshua und Gott ist in diesem Kontext nur eine weitere Spiegelung der Vater-Sohn-Thematik. Gott, wie ihn der Versucher beschreibt, sei ein Wesen ohne Gesicht, ein alles verschlingendes Ding, in dessen Nähe sich jede Existenz wertlos fühle. Das ist alles andere als Blasphemie, denn seine Kritik hat auch eine Kehrseite. Die Bemerkung des Versuchers, dass Gott seit einer Million Jahre nicht mehr in seine Richtung geschaut habe, verrät eine große Enttäuschung über den Verlust der Gottesnähe.

Das Netz der thematischen Spiegelungen und Andeutungen ist dicht gewebt, weshalb immer Raum für Deutungen bleibt, da der Film nicht alle Geheimnisse preisgibt. Die Inszenierung ist sehr ruhig, geradezu meditativ und verlangt vom Zuschauer hohe Konzentration. Der Trick, Yeshua und den Versucher vom selben Schauspieler (großartig: Ewan McGregor) spielen zu lassen, unterstreicht dies. Nur wenige mimischen Zeichen und der Sprachduktus lassen erkennen, wer gerade spricht. Eine stimmige Kulisse für das spirituelle Drama bietet die Anza-Borrego-Wüste in Südkalifornien, der das gleiche Gewicht wie den Akteuren zukommt.

Anders als Nikos Kazantzakis in seinem Roman „Die letzte Versuchung“ entwirft Garcia kein neues Jesusbild: Bei allen fiktiven Ausschmückungen der Bibel bleibt der Umgang mit der Gestalt Jesu äußerst respektvoll, anschlussfähig für gläubige Christen, aber auch für Nicht-Gläubige. Eine direkte Verbindung zu Kazantzakis kann man dennoch finden. Am Ende springt der Film zum Kreuzestod Yeshuas. Rätselhafterweise erscheint ein Kolibri direkt vor Yeshuas Augen, so als würde er Zwiesprache mit ihm halten. Darin kann man den Versucher sehen, der Yeshua zugesichert hatte, in seiner Todesstunde wieder da zu sein. Doch auch hier hat der Versucher keinen Erfolg, Yeshua geht den Weg, den Gott bestimmt hat.

Die letzte Einstellung zeigt zwei Touristen aus der Gegenwart, die am Schauplatz der Versuchung Yeshuas Fotos machen. Die Prophezeiung des Versuchers, dass Yeshua in tausend Jahren vergessen sein werde, ist damit widerlegt.

Peter Hasenberg, FILMDIENST 8/2017