Alien: Covenant

Ungerührt strahlt Davids türkisfarbene Iris von der Leinwand, die sich in eine verglaste, weiß-sterile Halle öffnet. Draußen liegt eine träumerische Alpensee-Landschaft. Drinnen benennt der Androide seinem menschlichen Schöpfer Weyland die Kunst- und Design-Objekte, die ihn umgeben: ein Bugatti-Sessel, ein Steinway-Klavier, auf dem Wagners „Einzug der Götter in Walhall“ angestimmt wird. An der Wand hängt Piero della Francescas „Geburt Christi“.

Alien: Covenant

In der Mitte steht eine Statue von Michelangelo, die den gleichen Namen wie der Androide trägt: David. Der künstliche Mann realisiert in diesem Moment, dass er trotz seiner Unsterblichkeit dazu verdammt ist, das Geschöpf eines Schöpfers aus Fleisch und Blut zu sein. Ein Flickern in Weylands Blick deutet an, dass dies kein gutes Ende nehmen wird. Ist die riesige Iris vom Anfang des Films das Fenster zur Seele, so scheint der Zugang zur Kunst das Einfallstor der Hölle zu sein.

Welch spannende Prämisse und welch ästhetischen Widerschein baut Ridley Scott schon in dieser ersten Szene von „Alien: Covenant“ zu einer Weltraum-Saga auf, die er vor fast 40 Jahren mit „Alien“ (fd 22 226) selbst ins Leben rief. Ende der 1970er-Jahre markierte das düstere Szenario des „Alien“-Universums mit seiner weiblichen Heldin Ripley (Sigourney Weaver) den sichtbarsten Kontrast zu den cleanen, männlich dominierten Science-Fiction-Utopien von „Star Trek“ oder „Star Wars“. In „Alien“ war das All nie ein Raum der Utopie, sondern einer des Unheils, in dem die Menschen blutig in die Schranken gewiesen wurden – in Gestalt beißwütiger Monster oder riesenhafter Wesen, jener Schöpfer der Menschheit, denen Scotts „Prometheus“ (fd 41 192) nachspürte. Sein aktueller Film will nun eine Art Verbindungsglied zwischen „Prometheus“ und der Alien-Saga sein.

Wenn man mit den Topoi der Saga vertraut ist, mutet die jüngste Variation nicht sonderlich überraschend an. Während der Androide Walter, ein David zum Verwechseln ähnelndes Nachfolgemodell, einsam im Raumschiff Covenant seinen Pflichten nachgeht, reißt ein plötzlicher Sonnensturm die Besatzung des Raumschiffs aus dem Kryoschlaf. Der Transporter ist unterwegs zum Planeten Origae 6, der neu besiedelt werden soll. 47 der 2000 in Schlafkammern transportierten Kolonisten sowie zwei Crewmitglieder, unter ihnen auch der Kapitän, sterben bei der Kollision. Noch während die Mannschaft das Sonnensegel repariert, geht eine Art „Funkspruch“ ein: brüchige Takte von John Denvers „Take Me Home, Country Roads“. Es ist ein gottähnlicher Fingerzeig, der auf einen in der Nähe liegenden Planeten deutet und als Alternative zum weit entfernten Origae 6 empfunden wird. Eine wunderschöne, fremde Welt eröffnet sich dem Expeditionsteam. Dass es auch ein gefährlicher Ort ist, wird der kleinen Menschenschar erst spät klar. Da haben sich die freigesetzten Sporen aus flüchtig berührten Kapseln schon in den Körpern eingenistet, wo sie zu einer höchst aggressiven Spezies heranwachsen und sich ihren Weg brachial durch die menschliche Körperhülle nach außen brechen.

Splatter sticht also erneut Suspense. Den klaustrophobischen Erstickungsgefühlen des ersten „Alien“-Films setzt Scott eine Öffnung des Raums entgegen und lässt den Horror in packenden Bildern losbrechen. Durch hohe Gräser rasen die frisch geschlüpften Neomorph-Aliens in freier Wildbahn auf die Eindringlinge zu. Gegen Säure als Blut und das perfide Parasitentum der Spezies können auch schwere Waffen nichts ausrichten. Das Covenant-Schiff wird eine Arche des Todes, die ihre Crew der Vernichtung zuführt. Und mitten im Grauen trifft der Rest des Erkundungstrupps auf David, den es nach der Zerstörung der Prometheus auf den Planeten verschlagen hat und der das Team in eine von Toten gesäumte Stadt führt. In dieser „Nekropolis“ versucht David, seinem künstlichen „Bruder“ Walter durch die Macht der Musik die Saat des Zweifels an seinen menschlichen Herren einzuflößen, die in seinen eigenen göttlich-grausamen Schöpfungsfantasien längst aufgegangen zu sein scheint. Doch die Natur fordert ihren Tribut, als sich das Geschöpf der Menschen zum quasi-göttlichen Schöpfer aufschwingt und sich einer Spezies zuwendet, die ihm gleicht.

Wie schon in „Prometheus“, eröffnet Scott auch hier interessante philosophische Gedankengebäude, versäumt es dann aber, diese konsequent zu erkunden. Der Film wird so zum visuell perfekt durchkomponierten Teil einer Prequel-Reihe, die ihre existenziellen Fragestellungen, aber auch ihr Schreckenspotenzial bei weitem nicht ausschöpft. Dank ausgefeilter CGI-Effekte ist das „unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ über die Jahre hinweg zwar immer präsenter geworden. Doch gleichzeitig macht sich auch eine gewisse Ermüdung angesichts all der abgerissenen Köpfe und durchstoßenen Körper breit. Wo die ersten „Alien“-Filme noch mit ganz wenigen Schockeffekten maximalen Horror erzielten, führt die nunmehrige Umkehrung zum gegenteiligen Effekt. Der finale „Einzug der Götter in Walhall“, wie er am Ende durch die Gänge der Covenant tönt, büßt dadurch erheblich an Kraft ein – hoch oben, in den Weiten des Weltraums, hört einen wirklich niemand schreien.

Kathrin Häger, FILMDIENST 11/2017