Alles gut

Angekommen in Deutschland. Nach Unterdrückung, Armut, Gewalt, Verlust, Krieg. Endlich in Sicherheit. Alles gut? Noch lange nicht. Dass der Prozess des Ankommens noch ein langer, beschwerlicher Weg ist, zeigt die Filmemacherin Pia Lenz, die mehr als ein Jahr lang den Alltag zweier Kinder dokumentiert, die in Hamburg mit ihren Familien nach einem Platz im neuen Leben suchen. Djaner ist acht Jahre alt, als er mit Mutter und großem Bruder Mazedonien verlässt.

Alles gut

Für ihre Söhne sah die Mutter in der Heimat keine Zukunft mehr. Als Roma sind sie dort in allen Lebensbereichen der Diskriminierung ausgesetzt. Eine ordentliche Bildung und Arbeit gibt es nur für die anderen.

Ghofran kommt mit elf Jahren aus dem kriegszerstörten Syrien in Deutschland an. Ihr Vater Adel lebt schon seit einigen Monaten hier und hat die Ankunft von Frau und den vier Kindern so gut es ging vorbereitet: Die Betten sind bezogen, der Kühlschrank ist voll, der erste Papierkram geklärt. Das große Haus und die Schlosserei der Familie in Syrien sind zwar für immer verloren, aber in der engen Containerwohnung der Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung gibt es fürs Erste alles, was sie für einen Neustart brauchen.

Lenz nähert sich diesen Familien aus unterschiedlichen Regionen, deren Konstellation, Voraussetzungen und Aussichten nicht minder verschieden sind, indem sie ihnen überwiegend allein und nur mit einer Handkamera begegnet, wodurch ein unverstellter, intim wirkender Blick in den Alltag der Geflüchteten gelingt.

Für die Kinder spielen sich die ersten Schritte der Integration in der Schule ab. Djaner, der bereits recht gut Deutsch spricht, kommt in eine zweite Klasse. Sein Bruder Mahmud und auch Ghofran besuchen hingegen zunächst eine einjährige Vorbereitungsklasse, die sie sprachlich für den Regelunterricht fit machen soll.

Die Beobachtungen aus dem Unterricht, den Pausen, den Gesprächen mit Lehrern, Mitschülern und Eltern bilden den Kern des Films. Beispielhaft werden hier viele jener Fragen und Konflikte anschaulich, die das Ankommen auf der einen und das Willkommen Heißen auf der anderen Seite begleiten. In der Schule funktioniert Integration quasi im Schnelldurchlauf, wenn man als Vergleich die sprachlichen und beruflichen Etappen der Elterngeneration heranzieht, die oft deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Während Ghofran neugierig sich schminkende und Fahrrad fahrende Mädchen bestaunt, sich mit Skepsis in einen Schülerchor wagt, fleißig Deutsch lernt und zugleich fest entschlossen an ihrer syrisch-muslimischen Identität festhält, hat es Djaner deutlich schwieriger. Ihm fehlt nicht nur ein Bildungshintergrund; auf ihm lasten auch die schwierigen Verhältnisse seiner Familie: Die Angst vor der drohenden Rückführung, die ihnen als Mazedoniern fast unweigerlich bevorsteht, das Verstecken vor der Polizei nach dem ersten gescheiterten Abschiebeversuch und die angesichts der Ausweglosigkeit überforderte Mutter äußern sich in Unruhe, Wutausbrüchen und Handgreiflichkeiten.

Wie geht man als Lehrer oder als Mitschüler damit um? Wie kann man helfen? Die Gedanken, Sorgen und beherzten Maßnahmen von Djaners zupackender schulischer Entourage spiegeln die vorhandenen Möglichkeiten und Spielräume, verdeutlichen aber auch Grenzen des Engagements.

Für die Momente der Freude, der Unsicherheit und des Leids findet der Film Bilder, die für sich sprechen, etwa Djaners Freude über den ersten Schulranzen, die Spielgeräte im Park, sein ständiges Stuhlkippeln im Unterricht, der unruhige Blick in Großaufnahme. Ghofran, die mittels der Musik auf ihrem Handy Deutschland aus- und Syrien einschalten kann, beginnt mit anderen Mädchen herumzualbern und lernt schließlich Fahrrad fahren. Ihr Vater, der stets Optimismus ausstrahlt, übernimmt erstmals die „weibliche“ Aufgabe des Bettbeziehens, muss bei der Suche nach einer Wohnung aber auch eine Absage nach der anderen kassieren.

Die Erzählung bleibt auf dieser ersten unmittelbaren bildlichen Ebene. Manches wird nur in Andeutungen klar, insbesondere das Ausmaß von Djaners persönlicher Katastrophe. Dabei erschüttert der Film ebenso wie er zuversichtlich stimmt. Am Schluss ist längst nicht alles gut, der Filmtitel irritiert in dieser Hinsicht. Ankommen und Einleben sind Prozesse, die ähnlich wie die vielen Formalitäten Geduld, Zeit, Energie und wohl auch eine Portion Glück brauchen.

Marguerite Seidel, FILMDIENST 6/2017