Attack on Titan - Part 2

Die Mission war ein herber Fehlschlag. Der für das Schließen des Schutzwalls so dringend benötigte Sprengstoff ist verloren. Der Spezialtrupp um Eren und Mikasa konnte in dem mit Titanen verseuchten Gebiet nur das eigene Leben retten. Die Menschen verschlingenden Riesenkreaturen, die mit großem Aufwand aus den letzten Enklaven der Menschen ferngehalten werden, verfügen deshalb weiterhin über ein Einfallstor.

Attack on Titan - Part 2

Schlimmer aber ist, dass Eren, einer der Hoffnungsträger im Kampf gegen die zombiehaften Giganten, sich vor dem Tribunal verantworten muss. Im Kampf gegen die Monster verschmolz sein schwerverletzter Körper mit dem eines Titanen; seither steht der Verdacht im Raum, dass der tapfere Krieger kein Mensch mehr ist. Für den Ankläger General Kubal ist das eine willkommene Gelegenheit, den rebellischen Freigeist ungeachtet seiner militärischen Erfolge ein für alle Mal zu eliminieren. Doch bevor die Exekution vollstreckt werden kann, wird Eren von einem Titan entführt.

Sein bester Freund Armin, Mikasa und ein kleiner Kreis mutiger Weggefährten wollen ihren Freund nicht kampflos dem Gegner überlassen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Eren. Der aber taucht wenig später im Gefolge des charismatischen Captain Shikishima auf, der die korrupte, selbstgefällige Regierung stürzen will. Doch auch der windige Militär hat keine lauteren Beweggründe für sein Tun.

Im zweiten Teil des „Attack on Titan“-Realfilm-Zweiteilers (nach „Attack on Titan – Part 1“ (fd 44 180)) entpuppen sich die Menschen als die eigentliche Bedrohung ihrer Rasse. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse des Science-Fiction-Films nach dem gleichnamigen Manga von Hajime Isayama. Selbst in Momenten, in denen die Menschheit am Abgrund steht, gibt es immer noch verschlagene Vertreter, die in der Tragödie eine Chance zur persönlichen Bereicherung sehen.

Wie reagieren Menschen in existenzieller Not? Im Manga spielen Kriegsgewinnler und freiheitsliebende Rebellen als archetypische Figuren tragenden Rollen; doch für die Dramaturgie des Films ist auch die Skrupellosigkeit einer fortschrittsgläubigen Elite von Belang, deren Verantwortungslosigkeit das Unheil erst in die Welt bringt. In der Manga-Vorlage und der daraus entwickelten Animationsserie gab es allein schon durch die Erzählzeit weit mehr Raum, um all diese Elemente ungleich detaillierter als im Film auszuarbeiten. Die insgesamt drei Stunden umfassende Adaption mußte zwangsläufig arg verdichten. Regisseur Shinji Higuchi kapriziert sich allerdings auch im zweiten Teil auf eindrückliche, mitunter auch recht drastisch in Szene gesetzte und zumeist im Computer animierte Action.

„Attack on Titan 2“ ist kein Film für Zartbesaitete, was durchaus eine Qualität darstellt, weil die Bedrohung hier physischer Natur ist. Trotz aller Superhelden-Attitüden der Protagonisten hat der Film nichts mit der körperlichen Unantastbarkeit der Helden und den unblutigen Kämpfen so vieler Marvel- oder DC-Produktionen zu tun. Mit der emotionalen Bindung des Zuschauers tut sich der Zweiteiler aber im Gegensatz zu Hollywood eher schwer. Der Film gefällt sich als Spektakel. Die Sehnsucht nach Freiheit wirkt aufgesetzt und versatzstückhaft. Auch wenn sich am Ende ein Silberstreif andeutet und zwischenmenschliche Beziehungen gefestigt werden, ist hier kein Konflikt wirklich ausgestanden. Menschen und Titanen halten nur kurz inne, auf ihrem Weg in eine alles andere als rosige Zukunft.

Jörg Gerle, FILMDIENST 8/2017