Bailey - Ein Freund fürs Leben

Worin könnte der Sinn des Lebens bestehen? Einfach nur Spaß haben und den ganzen Tag mit anderen Welpen herumtollen? Das Sterben wird es doch wohl nicht sein. So sinniert ein junger Straßenhund vor sich hin, als er zwei Hundefängern ins Netz geht und in eine Dunkelheit voll schimmernder Sphären abtaucht.

Bailey - Ein Freund fürs Leben

„Bailey“ beginnt mit dem Tod des Titelhelden, holt dann aber nicht zum großen Rückblick aus, sondern schlägt vielmehr ein neues Kapitel auf: Huch, da bin ich ja wieder, staunt Bailey, als er an den Zitzen einer Hundemutter hängt, diesmal jedoch als Golden Retriever. Reinkarnation, lautet die Lösung, mit der es Lasse Hallströms Verfilmung von W. Bruce Camerons Bestseller gelingt, gleich mehrere rührselige Hundeschicksale in einen Film zu packen. „Hachiko“ (fd 2009, 39 569) war gestern; jetzt kommt Bailey. Gegen dessen Erlebnisse ist das (ebenfalls von Hallström verfilmte) Schicksal des japanischen Akita-Hundes Hachiko, der Jahre lang vergeblich auf sein verstorbenes Herrchen wartete, das reine Leckerli.

Als Golden Retriever wird Bailey zunächst zum besten Freund des Menschenjungen Ethan. Der Sinn seines Hundelebens besteht zweifellos darin, Ethan glücklich zu machen, während es dessen Vater immer schlechter geht. Im Amerika der 1960er-Jahre, in denen Bailey und Ethan aufwachsen, lässt die Politik der atomaren Aufrüstung wenigstens die Familie als sicher erscheinen – bis der Alkoholkonsum von Ethans Vater in Aggression und Scheidung mündet. Als dann auch noch ein Rivale von Ethan fahrlässig das Haus niederbrennt, wobei Ethans Bein irreparabel geschädigt wird, landet der Hund bei den Großeltern. In der Pampa muss Bailey ohne Ethan altern. Er wird krank, eingeschläfert und wiedergeboren: als Polizeihund eines hispano-amerikanischen Cops, als Schoßhund einer schwarzen Studentin und als Kettenhund eines White-Trash-Pärchens. So durchmisst Bailey mehrere Jahrzehnte US-amerikanischer Hundehalter-Geschichte, bis sich der Kreis einer großen Tier-Mensch-Liebe wieder schließt.

„Bailey“ ist ein wahrer Belastungstest für die Tränendrüse – zumindest für Menschen mit einem Herzen für Tiere, die ihren Herrchen bis zum letzten Schlag nicht von der Seite weichen. Der Hund wird zum besseren Menschen, der mit existenzialistischen Sinnfragen nach den Sternen greift – dabei aber nicht sonderlich tief lotet. Das könnte an der Natur des Hundehirns liegen – oder an der des Drehbuchs. Auf jeden Fall werden die Fragen mit treuherzig nach oben gerichteten Knopfaugen gestellt, wie man sie auch auf den Covern von Camerons Büchern findet. Die Blauäugigkeit, das treuergebene Haustier nur in Relation zum aufzuheiternden Besitzer zu zeichnen, verwundert hingegen bei einem Regisseur wie Lasse Hallström, der schon einmal Filme wie „Gilbert Grape“ (fd 30 735) und „Gottes Werk & Teufels Beitrag“ (fd 34 161) drehte. Andererseits liegt diese einseitige Perspektive, die Niedlichkeit, aber keine kritische Bestandsaufnahme zulässt, durchaus im Trend, zuletzt etwa im Animationsfilm „Pets“ (fd 44 045).

Baileys Agenda beschränkt sich darauf, dem Menschen zu dienen. Nicht umsonst heißt der Stoff im Original „A Dog’s Purpose“. Das wäre wahrscheinlich gar nicht so schlimm, wenn sich die Abrichtung des Tieres nicht in der Produktionsgeschichte des Filmes spiegeln würde, die bereits einen Boykott-Aufruf von PETA nach sich zog. In einer Szene springt Bailey als Schäferhündin todesmutig in die Stromschnellen eines Wasserkraftwerks, um ein Mädchen aus den Fluten zu retten. Ein Video, das in Hallströms Abwesenheit vor den Dreharbeiten entstanden sein soll, zeigt allerdings, mit welcher Angst und Qual dieser Sprung für den vierbeinigen Hauptdarsteller behaftet war. Das sind unschöne Szenen, die jedoch zur tierischen Selbstlosigkeit passen, die der Film proklamiert, auch wenn er an anderen Stellen vor Tiermissbrauch warnt: etwas davor, Hunde in der mörderischen Hitze geschlossener Autos zurückzulassen, oder sie als Kettenhund festzubinden.

An die Leine legt sich die Geschichte allerdings selbst: Baileys Ringen um den Sinn des Daseins, gekrönt von manch tragischem Tod, will nicht zur Off-Hundestimme passen, die in der deutschen Synchronisation mit Florian David Fitz nicht gut besetzt ist. Mit angestrengt flockiger Humorigkeit will man hier Kindern existenzialistische Fragen näherbringen, die in ihrer Simplizität schlicht überflüssig sind. Erzähler, die derart bellen, beißen nicht – und Substanzielles apportieren können sie auch nicht.

Kathrin Häger, FILMDIENST 4/2017