Bauer unser

Es gibt in dieser materialreichen Dokumentation von Robert Schabus eine Szene, die vielleicht die Crux von derlei filmischen Aufklärungsbemühungen auf den Punkt bringt, gerade weil man sie auch schon so häufig gesehen, gelesen und gehört hat. Es geht darum, dass die Verbraucher, direkt befragt, stets versichern, dass sie beim Einkauf ihrer Lebensmittel selbstverständlich schon auf die ökologische Korrektheit bedacht seien.

Bauer unser

Um dann am Ende doch beim Discounter einzukaufen, weil hier das Geld gespart wird, dass für prestigeträchtigere Waren benötigt wird. Kein Fernsehabend, an dem nicht auf irgendeinem Programm ein Fernsehkoch von den Produktqualitäten artgerechter Haltung schwärmt, die man sich auch leisten könne, wenn zum Beispiel der Verzehr von Fleisch oder Fisch etwas Besonderes und eben nichts Alltägliches sei. An dem der Verbraucher nicht umfassend aufgeklärt wird, was es mit den Geschmacks- und Haltbarkeitsoptimierungen der Lebensmittelindustrie und den Löchern im Netzwerk der Gesetze und Verordnungen des Verbraucherschutzes auf sich hat.

In „Bauer unser“ wird gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass heute ein Liter Milch billiger sei als ein Liter Mineralwasser. Um dann in den folgenden 90 Minuten in einem umfassenden Panoramaschwenk globale Zusammenhänge vorm Zuschauer auszubreiten, die von Puzzleteil zu Puzzleteil klarmachen, warum es so ist, wie es ist. Warum es so nicht bleiben kann und – besonders wichtig – dass auch ganz anders geht. Aufgeboten wird zunächst das Übliche, also zum Beispiel eine Anlage für 65.000 Legehühner, die so konstruiert ist, dass die Produkte – circa 56.000 Eier am Tag – als „artgerecht“ und „aus Bodenhaltung“ am Markt platziert werden. Alles tiptop, jedenfalls solange die Hühner noch nicht da sind. Kurz darauf ändert sich das Bild in Richtung einer akustisch-hygienischen Vorhölle, deren Stress die Rede von der artgerechten Haltung schlicht verbietet. Ein Skandal, aber durchaus nichts Neues!

Gleiches gilt für Tiertransporte, Mast-Experimente durch implantierte, Hormonchips, Nahrungsmittelimporte und -exporte, Melkautomaten, Schlachthofprosa – sämtliche Momente der unter dem Einfluss eines außer Kontrolle geratenen Lobbyismus agierenden Agrarindustrie folgen der Ratio der Ertragssteigerung, des technologischen Fortschritts, des Wachstums, der Spezialisierung und der Profitmaximierung, die den einzelnen, häufig verschuldeten Erzeuger gar nicht mehr in den Blick bekommen kann, weil hier längst global gedacht wird. Die apokalyptische Szenerie, im Kino auch schon bekannt durch Einschlägiges wie „We Feed The World“ (fd 37 595) oder „Unser täglich Brot“ (fd 37 987), wird durch Interviews mit Betroffenen, Sachverständigen, Aktivisten, Kritikern oder Verantwortlichen in Zusammenhänge gestellt, die immer der gleichen Dramaturgie der prinzipiellen Widersprüche folgen. Für jeden in seiner Existenz bedrohten Erzeuger findet sich ein Experte, der ganz klar aufzeigt, dass dieser Form des Raubbaus an der Natur keine Zukunft beschieden sein kann und ein Funktionär, der die heimische Produktion in der Konkurrenz auf globalen Absatzmärkten sieht.

Das Gegenprogramm, das auf sympathische Weise unpolemisch, aber eher randständig entfaltet wird, bietet ansprechende, aber eben auch wohlvertraute Begriffe wie „Bio“, „Kleinteiligkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Flexibilität“, „Transparenz“, „Mischbewirtschaftung“, „Bescheidenheit“, „Selbst- und Direktvermarktung“ oder „Gemüsekiste“. Tatsächlich ist es dem Film sehr ernst mit dem Titel des „Bauer unser“, denn letztlich entwirft er die Utopie einer wechselseitigen Nahbeziehung zwischen kritischem Erzeuger und informierten Verbraucher, die sich vielleicht ein paar Tage lang nach dem nächsten Lebensmittelskandal umsetzen lässt. Die Zeit bis dahin kann man sich im Kino mit Filmen wie „Bauer unser“ und „dunklen“ Protagonisten wie Phil Hogan, dem irischen EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, verkürzen – und sich beim nächsten Einkauf auf dem Wochenmarkt selbst auf die Schulter klopfen.

Ulrich Kriest, FILMDIENST 6/2017