Bibi & Tina - Tohuwabohu total

Eine Mädchenfreundschaft, Sommerferien-auf-dem-Ponyhof-Abenteuer und dazu ein wenig Hexerei: Die Hörspielreihe um „Bibi und Tina“ war schon immer reißbretthaftes Kalkül. Was Detlev Buck dann aber aus diesem Soff gemacht hat, glich einer Neuerfindung im besten Sinne, die der Vorlage treu blieb – und ihr doch einen ganz eigenen Stempel aufdrückte.

Bibi & Tina - Tohuwabohu total

Bucks „Bibi & Tina“-Filme ((fd 42 232), (fd 42 817), (fd 43 658)) sind Pop-Musicals, die in den besten Szenen mit ihrer immensen Freude an der Übertreibung für sich einnehmen und teilweise wunderbar absurd sind. Mit weniger Hexerei und weniger Pferdeliebe als in ähnlichen Geschichten, dafür aber umso mehr Musik und einem einprägsamen Figurenkosmos. Insbesondere dann, wenn sich Buck wie in „Bibi & Tina – Der Film“ (2013) und „Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs“ (2015) ganz auf die Gefühlswelt der Figuren eingelassen hat, ist dieses Konzept aufgegangen.

Nun aber hat auch bei den beiden Titelfiguren der Alltag Einzug erhalten. Das bedeutet im Jahr 2017 konkret: die Flüchtlingskrise. Lea van Acken kommt als Neuzugang hinzu. In den ersten Szenen gibt sie sich, getarnt mit einer Mütze und weiten Klamotten, als Junge aus, doch bis auf Bibi und Tina nimmt ihr dieses Versteckspiel niemand ab. Ihre Figur ist aus Albanien geflüchtet, vor dem konservativen Onkel und einer Zwangsverheiratung. Andere Familienmitglieder sind ihr auf den Fersen, um sie zurückzuholen.

Als Handlungsplot in einer Filmreihe, die sich bislang herzlich wenig um die Realität scherte und vielmehr auch ästhetisch ihre eigene betont künstliche Gegenwelt erschaffen hat, ist das ein ziemlicher Brocken. Davon erholt sich der Film nicht mehr. Weder durch seine Abrechnung mit Vorurteilen über Geflüchtete und patriarchal geprägte Hohlköpfe, noch durch einen selbstverliebten Bauunternehmer namens Trumpf, der mit blauem Anzug, roter Krawatte und blonder Haartolle dem adeligen Vater von Tinas festem Freund einen Schutzwall um dessen Schloss verkauft; der darf ein wenig poltern, aber nicht singen wie andere Schurken in der Reihe vor ihm.

Unübersehbar fehlt es dem vierten „Bibi & Tina“-Vehikel an Schwung, an Maßlosigkeit, am Mut zur Übertreibung und an Kitsch. Für Buck-Verhältnisse überraschend humorfrei dümpelt die Handlung lustlos dahin. Wo der erste Teil noch mit einem lauten Knall begann, werden hier erst viel zu viele Figuren eingeführt. Und es wird eindeutig zu wenig gesungen.

Die verspielten Musical-Szenen, die die Reihe so populär und außergewöhnlich machten und die Filme letztlich getragen haben, wirken hier zumeist aufgesetzt und wie Fremdkörper. Wenn Bibi und Tina sich im Schnulzenmodus fragen, wie man sich fern von Zuhause fühlen mag, dann ist das alles andere als erheiternd. Die ausgelassene kapitalismuskritische Gesangseinlage der Verfolger kommt recht unerwartet und fügt sich überhaupt nicht in die Handlung ein. Ohnehin bestreitet meist Lina Larissa Strahl als Bibi die Gesangsparts, während die anderen Figuren eher in den Hintergrund treten.

„Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs“ wäre ein schöner Abschluss der Reihe gewesen, da er den Schurken aus dem ersten Teil reaktiviert und gewissermaßen auch rehabilitiert hat. Der vierte Teil versucht nun sehr bemüht, die Band noch einmal für ein großes Medley zusammenzubringen. So tauchen längst vergessene Nebenfiguren auf, alte Buck-Freunde, und die Figuren stimmen sogar noch einmal einen Best-of-Supersong an. Aber der Zauber zündet nicht. „Tohuwabohu total“ hält nur, was der Titel verspricht: ein Durcheinander, ohne mitreißende Melodie und Rhythmus.

Stefan Stiletto, FILMDIENST 4/2017