Borderland Blues

Die Frage, ob es „Borderland Blues“ ohne den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump überhaupt gäbe, ist letztlich müßig. Mit seiner Ankündigung während des Wahlkampfes im Sommer 2015, die Grenze zwischen den USA und Mexiko mit einer Mauer zu sichern, hat er unweigerlich den Fokus auf eine Region gelenkt, für die sich der Rest der Welt bis dahin eher wenig interessierte.

Borderland Blues

Die Filmemacherin Gudrun Gruber erkundet in ihrer Dokumentation ein Teilstück der insgesamt über 3000 Kilometer langen Grenze im südlichen Arizona und lässt Menschen zu Wort kommen, die mit den Besonderheiten dieses Landstrichs umzugehen versuchen. Etwa der US-Army-Veteran Tim Foley, Gründer einer bewaffneten Truppe von Freiwilligen, die Jagd auf Flüchtlinge und Drogenkuriere machen. „Wir tun nur, was getan werden muss“, sagt Foley und macht keinen Hehl daraus, dass er die Grenzpolizisten für unfähig hält. Für die Aktivisten der humanitären Organisation „No more Deaths“ hat er nur ein bemitleidendes Lächeln übrig. Etwa für Menschen wie die junge Paige, die nicht hinnehmen will, dass Jahr für Jahr Hunderte von Flüchtlingen in der nahen Sonora-Wüste verhungern oder verdursten. Sie hat in dem unwegsamen Gelände deshalb kleine Versorgungsdepots mit Wasser- und Nahrungsmitteln angelegt. Foley findet das eine tolle Sache. „So brauchen wir auf unsere Patrouillen selbst kein Essen mitzunehmen und können trotzdem ein leckeres Picknick machen“, sagt er.

Neben diesen beiden Antipoden kommen aber auch Menschen zu Wort, die in ihrem Alltag zwischen den Fronten leben. Etwa der betagte Farmer John, der sich darüber beklagt, dass Drogenschmuggler regelmäßig große Löcher für LKWs in den Grenzzaun schneiden, der zugleich sein Weideland begrenzt, weshalb ihm immer wieder Rinder abhanden kommen. Ihn nerven aber auch die zahlreichen Checkpoints im Hinterland und die technischen Überwachungsmaßnahmen der Grenzpolizei. Angesichts der drei Kameras, die sein Haus rund um die Uhr beobachten, fühle er sich seiner Privatsphäre beraubt.

Der Film stellt Johns Aussagen und die vieler anderer unkommentiert nebeneinander. Die Inszenierung enthält sich damit zwar wohltuend einer Schwarz-Weiß-Malerei, doch hie und da hätte die Filmemacherin ruhig einmal nachfragen oder Behauptungen überprüfen können. Zudem kommt es ihr kein einziges Mal in den Sinn, auf die andere Seite der Grenze zu wechseln und die dortige Lage zu erkunden. Der Besuch einer Messe für Überwachungstechnik im nahen Phoenix ist nicht wirklich eine Alternative. Gemessen an Matthew Heinemans verstörendem Dokumentarfilm „Cartel Land“ (fd 43 385), in dem Tim Foley übrigens auch schon auftaucht, hält sich der Informationsgehalt hier eher in Grenzen. „Borderland Blues“ besticht jedoch immer wieder durch grandiose Totalen einer ebenso unwirtlichen wie faszinierenden (Wüsten-)Landschaft, in der sich die Grenzbefestigungen bisweilen so ausnehmen, als seien sie von Christo installiert worden.

Reinhard Lüke, FILMDIENST 10/2017