Dancing Beethoven

Für ein paar Sekunden schweigt die Musik. Das Israelische Philharmonische Orchester unter der Leitung von Zubin Mehta ist nicht länger zu hören. Allenfalls im Kopf klingt Beethovens 9. Symphonie nach. Nur die Tänzerinnen und Tänzer auf der Leinwand bewegen sich noch.

Dancing Beethoven

Für ein paar Sekunden schweigt die Musik. Das Israelische Philharmonische Orchester unter der Leitung von Zubin Mehta ist nicht länger zu hören. Allenfalls im Kopf klingt Beethovens 9. Symphonie nach. Nur die Tänzerinnen und Tänzer auf der Leinwand bewegen sich noch.

Unmittelbar davor, ehe die spanische Regisseurin Arantxa Aguirre den Ton ausblenden lässt, erinnert die Schauspielerin Malya Roman als Erzählerin daran, dass Beethoven vollkommen taub war, als er die „Neunte“ komponierte. Ob er die Musik, die er nicht mehr hören konnte, wohl gesehen hätte, wenn er die Inszenierung seines Werkes durch das Béjart Ballet Lausanne miterlebt hätte? Einige tonlose Augenblicke lang spürt der Film dieser Frage nach.

„Dancing Beethoven“ ist eine jener Dokumentationen, die einen Blick hinter die Kulissen eröffnen. Neun Monate lang begleitete Aguirre das Béjart Ballet und das Tokyo Ballet bei ihren Proben von Maurice Béjarts Ballettfassung der 9. Symphonie bis zur gemeinsamen Aufführung im Herbst 2014 in Tokio. Die Inszenierung begnügte sich jedoch nicht damit, Interviews zu führen und Choreografien abzufotografieren. Stattdessen wird sie selbst zur Choreografie.

Nicht nur ihre Erzählerin, auch Kamera und Montage treten in Dialog mit den Tänzern, mit dem Stück, werden selbst aktiv, entwerfen eine eigene Geschichte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es sind keine pompösen Einfälle, nur kleine cineastische Gesten wie jene kurzen Momente der Stille, mit denen sich Aguirre das Material auf unscheinbar poetische Weise zu eigen macht.

Seiner Struktur nach ist „Dancing Beethoven“ ein „Making of“ über die Inszenierung: Proben, Anweisungen, Korrekturen. Eine Solotänzerin wird schwanger, eine andere verstaucht sich den Knöchel. Gespräche am Bühnenrand, pathetische Sätze über Beethovens Musik, über Schillers „Ode an die Freude“ oder den 2007 verstorbenen Ballettgründer Maurice Béjart und seinen Hang zum Spektakel, zu Opulenz und kreisenden Choreografien als Spiegelbild des Lebens.

Das alles lässt die Regisseurin jedoch nicht einfach so stehen. Sie greift es auf und verwandelt es in den Stoff ihrer eigenen Erzählung, die gleichsam aus dem Hintergrund heraus immer wieder durch die Interviews, die Tanzsequenzen, die dokumentarische Patina hindurchschimmert.

Eine schneebedeckte Schweizer Berglandschaft rahmt den Film. Zu Beginn erzählt Malya Roman aus dem Off von Heinrich von Lausanne, einem Wanderprediger des 12. Jahrhunderts, der daran glaubte, dass Gott und der Teufel jeweils getrennte Welten erschaffen hätten, eine gute und eine böse. Die Erde war für ihn das Werk des Teufels. Ähnlich düster geht es weiter. Als Malya Roman sich auf den Weg zum Béjart Ballet macht, wirft sich bei Nyon jemand vor den Zug, in dem sie sitzt. Die Statistik belegt, dass sich in der Schweiz fast jeden Tag jemand auf diese Weise das Leben nimmt. Bald jedoch spürt man, was Aguirre und ihre Erzählerin dem entgegenhalten: die Freude am Leben und an der Kunst.

Malya Roman ist die Tochter von Gil Roman, dem heutigen Leiter und Chef-Choreografen des Béjart Ballets. Auch ihre Mutter war eine Béjart-Tänzerin. Schon als kleines Baby nahmen ihre Eltern sie mit auf Tour. Diese Nähe verleiht ihren Gesprächen eine wohltuend familiäre Intimität und dürfte dem Film auch manche Tür geöffnet haben, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wäre.

Einer kritischen Perspektive steht diese Vertrautheit allerdings eher im Weg. Nur ganz selten lässt der Film Brüche erahnen. Doch um die Risse, die sich auch in der vor der Kamera viel beschworenen Künstlergemeinde zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftun, geht es dem Film nicht. „Dancing Beethoven“ streckt sich nach einem Ideal, einer Vision aus, dem Traum, dass Menschen, egal welcher Herkunft, eine Einheit bilden können: auf der Bühne, wie es das internationale Ensemble am Ende beim Auftritt in Tokio eindrucksvoll vorführt. Aber auch darüber hinaus.

Es ist viel von „Diversität“ die Rede und davon, dass unsere Welt angesichts des „Facebook-Egoismus“ immer mehr „verkümmere“. Sympathisch aber ist, dass die Inszenierung nicht versucht, den Zuschauern diese Botschaft aufzudrängen. Als der Krieg in Syrien zur Sprache kommt, zeigt Aguirre lediglich Aufnahmen eines wogenden Ozeans. Den Rest überlässt sie den Assoziationen. Am Schluss wendet sich Malya Roman direkt ans Publikum. Sie blickt frontal in die Kamera, als sie der dualistischen Weltsicht Heinrichs von Lausanne widerspricht. Die Menschen, glaubt die Erzählerin, seien in der Lage, sowohl Mörder als auch Schöpfer zu sein.

Der Film mündet in einer Art Ode auf Kunstwerke, die wie „Kathedralen“ und „Leuchttürme“ emporragten, um den Menschen Hoffnung zu spenden. Arantxa Aguirre hat mit „Dancing Beethoven“ gleich mehrere dieser überwältigenden Kunstwerke dokumentiert. Und mit grandiosen Vogelperspektiven, faszinierenden Detailaufnahmen und dem berauschenden Spiel mit Schärfe und Unschärfe, Stillstand und Bewegung, Prosa und Poesie auch selbst ein kleines erschaffen.

Stefan Volk, FILMDIENST 8/2017