Dark Blood

Der französische Philosoph Jean Baudrillard nahm die Wüsten im Westen der USA mehr magisch denn als Natur wahr, gleichsam als „geologische Superproduktion“, die sich das Kino folgerichtig auch angeeignet hatte. Es ist dieser geografische Raum, den das Schauspieler-Ehepaar Harry und Buffy mit einem Bentley durchquert, um ihre langjährige Ehe aufzufrischen.

Dark Blood

Doch was in dieser Region ebenfalls Spuren hinterlassen hat, wird deutlich, als die beiden einen einsam in der Wüste lebenden Mann namens Boy treffen. Dessen Frau ist an Krebs gestorben. Sie war eines der zahlreichen Opfer der Kernwaffentests des amerikanischen Militärs in Nevada, die erst 1992 aufgrund zahlreicher Proteste eingestellt wurden.

Diese traumatische Erfahrung prägt Boy, und der damit einhergehende Horror nistet sich gleichsam in die Dramaturgie des Films ein. Die Begegnung des Ehepaars mit dem jungen Mann irgendwo in der Wüste entwickelt sich zum „Backwoods“-Horror. Zunächst ist Boy für Buffy noch das Licht im Dunkel der Nacht, die sie mit Harry im stehengebliebenen Auto irgendwo in der Wüste verbringen muss. Sie fühlt sich von seinen Avancen geschmeichelt, während Harry von Boy als Greenhorn bloßgestellt wird. Nach und nach aber wird dem Paar bewusst, dass es sich um einen gefährlichen Psychopathen handelt.

Ein weiterer Genrekontext kommt hinzu. Boy und seine verstorbene Frau sind indigener Herkunft. In Verbindung mit der Landschaftsikonografie und der Dramaturgie des Eindringens von Weißen in den Lebensraum der Indianer spielt „Dark Blood“ mit Motiven des Westerns. Boy ist ein Halbblut, dessen indigene Frau von der modernen Version der Kriegsführung und der Inanspruchnahme des Landes getötet wurde. Er ist in gewisser Weise ein Leidensgenosse Ulzanas aus Robert Aldrichs Western „Keine Gnade für Ulzana (fd 18 269), dessen vergeblicher Kampf sich nach innen, in eine tiefe psychische Störung verlagert hat und sich durch die Begegnung mit dem Ehepaar als Wahnsinn entlädt.

Das Ehepaar wiederum hat an diesem Ort eigentlich nichts verloren, und es ist auch nicht in der Lage, dort zu bestehen. Allenfalls Buffy erreicht einen gewissen Bezug zum Land und auch zu den Gefühlen des jungen Mannes. Deshalb nimmt sie ihn auch nicht nur als Psychopathen wahr, sondern als traumatisierten Mann, dem das Wichtigste in seinem Leben genommen worden ist. Horror und Neo-Western werden zu einem düsteren Blick auf die USA verflochten.

River Phoenix, der Boy eine beängstigende Ambivalenz verleiht, starb 1993 während der Dreharbeiten, weshalb der Film nicht beendet werden konnte. Die für den Abbruch der Dreharbeiten aufkommende Versicherungsgesellschaft hielt das Filmmaterial unter Verschluss. Im Jahr 2012 machte sich Regisseur George Sluizer jedoch daran, den Film zu retten und abzuschließen. Die nicht gedrehten Szenen mit River Phoenix spricht Sluizer zum eingefrorenen Filmbild ein.

Thomas Klein, FILMDIENST 9/2017