Das Ende ist erst der Anfang

Graue Wolken bedecken den Himmel, die Sonne strahlt nur matt aus der Ferne, dumpf grollt der Donner. Unheil liegt in der Luft, über einem Landstreifen, der aussieht, als hätte die Apokalypse schon stattgefunden: Kahle Felder, verwüstete Fabrikruinen, menschenleere Straßen. Das einsame Paar, das auf einer vor Jahrzehnten aufgelassenen Bahnstrecke entlangwandert, fürchtet den Weltuntergang.

Das Ende ist erst der Anfang

Die verängstigten Streuner Willy und Esther, verwahrlost und offenbar auch leicht zurückgeblieben, wandeln auf den Spuren von Esthers Tochter. Das Lebensnotwendige stehlen sie sich zusammen. Bei einer dieser Gelegenheiten hat Willy eine Pistole und ein Handy mitgehen lassen, was nun eine sehr konkrete Gefahr heraufbeschwört. Denn der Besitzer will vor allem das Telefon zurückhaben und schickt den Dieben zwei seiner Männer hinterher. Die in Unehren ergrauten Rocker Cochise und Gilou können dem Auftrag zwar wenig abgewinnen, doch ein Peilsender im Handy verspricht raschen Erfolg. So begeben sie sich auf die Straße, ohne zu ahnen, wohin sie diese undankbare Aufgabe führen wird.

Von diesem Ausgangspunkt aus hebt Bouli Lanners’ „Das Ende ist erst der Anfang“ zu einer erstaunlichen filmischen Reise an. Die vierte Regiearbeit des belgischen Schauspielers beginnt ähnlich wie sein Film „Eldorado“ (fd 39 270) mit einem archetypischen Road-Movie-Szenario, dessen dramaturgische Stationen mit den arglosen Verfolgten, den unwilligen Verfolgern und der vor beiden Parteien liegenden Strecke vorgegeben scheinen. Mit markanten Folkgitarren-Klängen als musikalischer Untermalung und seinen gealterten Kopfgeldjägern, von denen einer nach einem legendären Apachen-Häuptling benannt ist, nimmt sich Lanners zudem erneut Motive des Westerns vor, denen er durch formale Konsequenz einen surrealen Touch verleiht. So geraten Cochise und Gilou unvermutet in eine Ecke der französischen Provinz, in der wie im Wilden Westen die Zivilisation nie richtig angekommen ist. Der Tonfall gegenüber Fremden ist rau, die Waffen der lokalen Desperados sitzen locker und der nächste Anfall von Lynchstimmung ist nie weit entfernt. Die kräftig gebauten Altrocker mögen glimpflich davonkommen, doch schwächliche Herumtreiber wie Willy und Esther können in dieser Gegend auf keine Gnade hoffen.

Besser gesagt: könnten, denn Lanners lässt die Figuren Beistand von unerwarteter Seite finden. Jesus höchstpersönlich taucht immer wieder auf, um sich des Streunerpaares anzunehmen und ihnen mit Essen, Ratschlägen und Trost beizustehen. Auch Gilou, der nach einer Herzattacke für kurze Zeit in einer Klinik liegt, hat eine Begegnung mit ihm, die dem ziemlich auf sich und seinen Hund konzentrierten Mann neue Perspektiven eröffnet. Fernab der verklärt-kitschigen Inszenierung einschlägiger „frommer“ Filme ist der von dem hageren französischen Charakterdarsteller Philippe Rebbot gespielte Jesus bei Lanners ein Einzelgänger, der sich ohne erkennbaren Gottesbeistand, Wunderkräfte oder Jüngerschar behaupten muss, trotzdem aber unverdrossen seinen Weg verfolgt. Seine unvermittelten Auftritte sind pointiert, mitunter auch voll schwarzen Humors, dabei aber durchweg sehr ernsthaft in Szene gesetzt. Die Notwendigkeit, am Schicksal anderer Menschen durch Gedanken, Worte und Taten Anteil zu nehmen, steht für den Film außer Frage.

Jenseits der Jesus-Szenen etabliert Lanners dies auch in anderen Sequenzen, in denen das schroffe Auftreten der Hauptfiguren auf berührende Weise aufgebrochen wird. So entdeckt der wortkarge Cochise durch eine einsame Frau seine weiche Seite, und Gilou wird durch einen greisen, aber höchst hilfsbereiten Hotelier auf neue Bahnen gelenkt. In diesen Momenten entwickelt der Film eine immense Zartheit, die sich aufs Wunderbarste mit dem herben Lederjacken-Charme der Road-Trip-Szenen ergänzt.

Obwohl Landschaft und Ambiente durchweg authentisch sind – gedreht wurde in der Region La Beauce südlich von Paris, deren Winterklima tatsächlich sehr menschenfeindlich ist –, strebt der Film keinen Realismus an. Mit seinen stilsicheren Anleihen bei unterschiedlichsten Genres und seinen wechselnden Tonfällen ist „Das Ende ist erst der Anfang“ ein lupenreiner Vertreter des postmodernen Zitatenkinos, allerdings trotz mancher Gewaltsequenz gänzlich ohne die Herzlosigkeit, die etwa den Coens oder David Fincher oft vorgeworfen wird. In den lakonischen Dialogen und der liebevollen Figurenzeichnung zeigt sich Lanners eher dem Geist eines Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch verwandt, schlägt darüber hinaus mit überwältigender Leichtigkeit aber auch den Bogen zu den absurden Theaterstücken eines Samuel Beckett, zu John Fords elegischen (Ersatz-)Familien oder den Gewissensdramen eines Ingmar Bergman. So disparat diese Elemente scheinbar sind, greifen sie doch mit einer virtuosen Folgerichtigkeit ineinander, die ebenso verblüfft wie begeistert.

In seinem Einfallsreichtum und seiner zutiefst empfundenen Menschlichkeit ist „Das Ende ist erst der Anfang“ ohne jede falsche Note: Formvollendet, großherzig und weise. Grandios.

Marius Nobach, FILMDIENST 10/2017