Die Abmachung

Das erste Bild steht eine Weile da: ein Rohbau, grau, drumherum wüstes Land, ein Haufen mit rotem Sand. Dann fährt die Kamera langsam eine Reihe von Eigenheimen ab, symmetrische Häuser mit spitzen Dächern, so wie Kinder sie malen. Regisseur Peter Bösenberg rechnet in seinem zweiten Langfilm mit dem Traum vom eigenen Haus ab – und nutzt dabei einen Topos, der mit diesem Thema verknüpft ist.

Die Abmachung

Nämlich den spießigen, irgendwie sehr deutschen Mythos vom Handwerker, der für eine Reparatur ins Haus kommt, um dann die Hausfrau zu beglücken.

In dieser Fantasie steckt viel Wirtschaftswunder und eine entsprechende Rollenverteilung: Der Ehemann geht ins Büro und schafft Geld herbei, die gepflegt-gelangweilte Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um die Kinder und sorgt für eine gemütliche Atmosphäre. Vielleicht widmet sie sich einem schöngeistigen Hobby, das allenfalls schlecht bezahlt wird: literarischen Übersetzungen zum Beispiel.

So wie bei Stine. Sie ist Mitte 40 und hat eine Tochter; das Haus in der gut- bis großbürgerlichen Vorstadt ist eigentlich viel zu groß für die beiden, nach dem Tod von Stines Mann vor einem Jahr. Stine kann das Haus alleine kaum halten, der Geldfluss ist nicht mehr gewährleistet. Draußen schneit es, drinnen ist es kalt, weil die Heizung nicht funktioniert. Ein Handwerker soll das Problem eher notdürftig als nachhaltig beheben, da für eine richtige Reparatur das Geld gerade nicht reicht.

Mit Stine Stengade hat sich der Regisseur für eine dänische Schauspielerin entschieden. Sie spricht mit Akzent, was die einsame, trauernde Frau noch isolierter erscheinen lässt. Sie war wohl schon vor dem Tod ihres Mannes nicht richtig glücklich; es gab Probleme, das Büro, eine Kollegin. Nun ist Roger da, so heißt der Handwerker. Er bringt einen Sohn mit autistischen Zügen mit – „Er soll etwas lernen“ – und taucht das erste Mal im Anzug auf. Schnell haben Stine und Roger Sex: Sie sehnt sich nach Nähe und Wärme. Was er will, ist nicht so klar. Etwas Gutes kann es nicht sein, mutmaßt die pubertierende Tochter, und verlangt, dass die Mutter beide vor die Tür setze.

Auch die anderen Schauspieler sind gut besetzt und verstehen es, die Psycho-Schraube langsam anzuziehen, mit Blicken und mit kleinen Gesten. Antonia Lingemann gibt eine vorbildlich pubertierende Tochter, zickig, fast schon erwachsen, aber dann doch noch sehr Kind. Alex Brendemühl als Roger und Robert A. Baer als sein Sohn statten ihre Figuren sehr ambivalent aus, lassen immer Zweifel an den Motiven bestehen: Sind das gefährliche Psychopathen oder bemitleidenswerte Außenseiter? Einmal sagt ein Freund der Familie: „Wir verhalten uns jetzt alle normal!“ Das ist ein Schlüsselsatz, in der Vorstadt, in den Häusern, hinter den Jalousien und Vorhängen: Normal verhält sich hier niemand. Aber was ist das eigentlich – normal?

Ohne die ehemaligen Freunde des Hauses, ein Paar mit Tochter, in deren Verhältnis zu Stine etwas nicht stimmt, wäre der Film ein Kammerspiel, das sich im Haus entfaltet. Dieses spielt denn auch eine Hauptrolle. Die Kamera von Jürgen Jürges und Reinhold Vorschneider streift durch die Räume und gewinnt ihnen stets etwas Neues ab, Licht und Farben sind kalt und fahl. Die Abmachung zwischen Roger und Stine besteht darin, dass sie ihn erst bezahlt, wenn sie wieder Geld hat. In der Zwischenzeit arbeitet er daran, sich unersetzlich zu machen, und richtet das Haus zu Grunde. Im Wohnzimmer ist eine Diele im schönen Fischgrätparkett locker: Roger hebelt mit dem Stemmeisen brutal den ganzen Boden auf. Bald sieht es im Haus so aus wie möglicherweise in Stine drin.

Das Haus, die Häuser, auch der Rohbau zu Beginn, werden zu Organismen, die das Innenleben ihrer Bewohner und potenziellen Käufer spiegeln. Ikea, umgedreht: „Lebst du noch, oder wohnst du schon?“

Julia Teichmann, FILMDIENST 3/2017