Die Gabe zu heilen

Das Kinoplakat stellt die exotischsten Protagonisten des Films in den Vordergrund: eine bunt gekleidete Asiatin und einen bärtigen Bergbauern. Das wird dem Film allerdings nicht ganz gerecht, geht es in der Dokumentation von Andreas Geiger doch gerade um die Alltäglichkeit des Wundersamen. „Die Gabe zu heilen“ porträtiert fünf sehr unterschiedliche Menschen, drei Männer und zwei Frauen, die alle über eine besondere Fähigkeit verfügen.

Die Gabe zu heilen

Von den einen als „Scharlatane“ angegriffen, von anderen als Erleuchtete bewundert, verstehen sie sich aufs Heilen jenseits der Schulmedizin, worauf sich nicht nur die Hoffnung unheilbar Kranker richtet, sondern das auch auf einer langen Tradition fußt.

Wenn man zum Heiler geht, muss man an ihn glauben, sagt Stephan Dalley aus dem schwäbischen Ludwigsburg. Das würde aber auch für die Schulmedizin gelten. Er nennt sich „Geistheiler“ und behandelt kollektiv im Wartezimmer, manchmal aber auch übers Handy. Robert Baldauf ist ein Bauer aus Vorarlberg. Er ist gottesfürchtig und hat angeblich schon einmal den Teufel gesehen, in Lederhose und mit strubbeligem Haar. Er bittet vor der Heilung Gott um Hilfe, stellt eigene Arzneimittel her und sucht mit dem Pendel über den Organen nach möglichen Krankheiten.

Wie Bauer Baldauf ist auch der weißbärtige Hirte Köbi Meile mit seiner Heimat verwurzelt, dem Toggenburger Land in der Schweiz. Auch er ist vom Segen des Glaubens und den Heilkräften der Natur zutiefst überzeugt: „Die Natur kennt kein Spital und auch keinen Arzt!“ Ojuna Altagerel stammt aus der Mongolei; sie ist Ärztin und Schamanin und lebt am Bodensee. Sie vertritt einen ganzheitlichen Ansatz. Die Ursachen für akute Schmerzen rühren in ihren Augen oft aus der eigenen Vergangenheit oder der Familiengeschichte her.

Die fünfte Protagonistin, Birthe Krabbes, ist mit einem Pfarrer verheiratet und lebt in Hamburg in einem kleinen Eigenheim. Sie strickt, hat eine Katze, fiebert für Sankt Pauli und hört gerne Heavy Metal.

Die Kamera begleitet die Heiler bei ihrer Arbeit, zum Patientengespräch, beim Heilungsprozess. Die stärksten Szenen des Films resultieren aus dem Umgang mit den Patienten, wobei sich die Inszenierung jeder Wertung oder Erfolgsstatistik, aber auch jeder Position im Streit Schulmedizin versus alternative Heilmethoden verweigert. Anhand der fünf Protagonisten zeigt Geiger jedoch auf, dass die Gabe zu heilen an keinen spezifischen Natur- oder Landschaftskontext gebunden ist. In den Porträts wird deutlich, dass die Arbeit der Heiler ohne den jeweiligen spirituellen Hintergrund nicht verständlich ist, egal ob der nun katholisch, buddhistisch oder ein esoterisches Patchwork ist. Man muss glauben, denn ohne den Glauben, darin sind sich alle einig, kann sich die heilende Kraft nicht entwickeln.

Reinhard Lüke, FILMDIENST 4/2017