Die letzten Männer von Aleppo

Khaled steht inmitten von Ruinen und beobachtet den tiefblauen Himmel: Nach dem Bombenangriff ist die Straße völlig zerstört. Aus den Trümmern bergen er und andere Männer ein verschüttetes Baby. Es ist reglos, mit Staub bedeckt. Aber es lebt. Unter den Passanten breitet sich Erleichterung aus. Dann schauen sie wieder in die Höhe, ob die russischen Bomber zurückkommen. Alltag in Aleppo. Die Stadt wird seit Jahren belagert.

Die letzten Männer von Aleppo

2011 provozierten die friedlichen Proteste in Syrien eine brutale Repression des Assad-Regime. Der Konflikt eskalierte zum Bürgerkrieg.

Die „White Helmets“ entstanden als unbewaffnete Bürgerwehren im belagerten Aleppo. Einfache Bürger mit normalen Berufen begannen mit Baggern, Schaufeln und bloßen Händen die Trümmer wegzuräumen und verschüttete Menschen zu bergen. Täglich werden die Wohngebiete bombardiert, immer wieder fahren die Männer mit ihren schlechten Autos zu den eingestürzten Gebäuden und versuchen die Lebenden zu retten oder die Toten zu bergen.

Der Dokumentarfilm von Firas Fayyad und Steen Johannessen schildert den Einsatz der Freiwilligenorganisation „White Helmets“ im belagerten Aleppo und bleibt dabei immer dicht an den Protagonisten: Khaled hat zwei Kinder und eine Frau; oft ist er tagelang von seiner Familie getrennt. Mit seiner Tochter sucht er in den leeren Apotheken nach Medikamenten für die Kleine. Die Kinder leiden durch die lange Belagerung an Mangelerscheinungen. „Wir verhungern, oder die Bomben bringen uns um“, sagt Khaled. Immer wieder überlegt er, ob er seine Kinder nicht in die benachbarte Türkei schicken soll. Er selbst ist in Aleppo geboren, hat die Stadt nie verlassen und kann sich auch nicht vorstellen, woanders zu leben. Sein Kollege Mahmoud steuert das alte Auto der Weißhelme zu den ausgebombten Häusern. Sein kleiner Bruder Ahmed ist auch mit dabei. Ihren Eltern haben sie erzählt, dass sie in der Türkei in Sicherheit seien.

Tod und Zerstörung sind immer präsent: Die Kamera begleitet die Weißhelme auch, wenn sie unter Beschuss liegen, wenn Bomben fallen und unmittelbar danach. Die Filmemacher bleiben im belagerten Teil der Stadt, auf ihrer Seite der Front. Sie versuchen niemals, den Konflikt aus der Vogelperspektive zu erklären; sie vermeiden die einlullende Scheinobjektivität des Fernseh-Brennpunktes.

Die wenigen Totalen zeigen die Stadt Aleppo tagsüber im Blitzlicht der Bombardierungen, doch auch diese wenigen Überblicke verstärken das Gefühl der Klaustrophobie. Die Einsatzbereitschaft der Männer wird von tiefer Hoffnungslosigkeit begleitet. Als die Demonstranten auf den zerstörten Straßen den Rücktritt des Diktators Assad fordern, sagt Khaled sarkastisch zu seinem Kollegen: „Lass uns das Regime bei mir zu Hause besiegen!“

Über zwei Jahre begleitet der Film die Männer in ihrem Alltag, zeigt die Hoffnungslosigkeit, die Endzeitstimmung, das Gefühl, wenn sich der Belagerungsring endgültig schließt und die Belagerten vergessen worden sind: „Sie wollen uns nicht mehr verletzen, sie wollen uns gleich töten. Die Welt ist gegen uns. Die ganze Welt, die Araber, die Ausländer, einfach alle.“

Dennoch gibt es Momente der Hoffnung: etwa die Goldfische, die Khaled in Brunnen und Wasserbehälter setzt. Der Moment der Waffenruhe, wenn Eltern und Kinder zum nahegelegenen Spielplatz stürmen, eine Hoffnung, die gleich wieder durch herannahende Bombengeschwader zerstört wird. Die Hochzeit, die Mahmoud besucht, und der Autokorso, der sich durch die zerstörten Straßen bewegt.

„Die letzten Männer von Aleppo“ ist ein ergreifender und mitreißender Dokumentarfilm, in seiner Nähe zu den Protagonisten, in ihrer täglichen Tragödie, aber auch in den wenigen Momenten der Hoffnung.

Wolfgang Hamdorf, FILMDIENST 6/2017