Die rote Schildkröte

Eine unbändige Wut packt den Schiffbrüchigen, als die prächtige rote Schildkröte an Land geschwemmt wird. Dieses Tier ist schuld daran, dass alle seine Versuche, mit einem Floß von der einsamen Insel zu fliehen, gescheitert sind. Jetzt will er sich rächen. Er rennt zum Strand, den die Abenddämmerung blutrot gefärbt hat, und zertrümmert einen schweren Stock auf dem Schädel der Schildkröte.

Die rote Schildkröte

Danach wuchtet er den schweren Körper auf den Rücken, springt auf den Bauch der wehrlosen Kreatur, schreit ihr seine Wut ins Gesicht. Während sie verendet, schwimmt der Mann im Meer. Erst als er den leblosen Körper am nächsten Tag zaghaft berührt, wird ihm bewusst, was er getan hat. Und er traut seinen Augen nicht, als die Schildkröte sich in eine Frau mit leuchtend roten Haaren verwandelt.

Es beginnt wie eine animierte Robinson-Crusoe-Geschichte an bekannten Schauplätzen. Schon in den ersten Bildern lässt der Film durch seine mächtige Tonkulisse die Natur in all ihren Facetten greifbar werden. Doch an einem klassischen Abenteuerfilm hat der niederländische Regisseur Michael Dudok de Wit kein Interesse. In seinem ersten Langfilm baut er vielmehr die Welt weiter aus, die er in seinen melancholisch-poetischen Kurzfilmen skizziert hat. Gleichnishaft und vollkommen ohne Dialoge erzählt er von schweigsamen Menschen, die durch ihre Blicke verbunden werden, über die Sehnsucht, über Schuld und Vergebung, den Tod und den Neubeginn.

Die Wiedergeburt der Schildkröte birgt eine zweite Chance. Denn denselben Fehler will der namenlose Schiffbrüchige nicht noch einmal machen. Er kümmert sich um die Frau, die langsam zu Kräften kommt, er teilt seine Kleidung mit ihr. Und sie scheint ihm zu verzeihen. Es dauert nicht lange, bis die beiden eine Familie gründen. Ein Sohn kommt zur Welt – und aus der Insel, die der Schiffbrüchige vor nicht allzu langer Zeit noch als Gefängnis empfunden hatte, wird sogar so etwas wie ein kleines Paradies. Bis der Sohn groß wird und die Welt sehen möchte.

Man kann sich treiben lassen angesichts der schönen handgezeichneten Bilder, die trotz der reduzierten Farbpalette immer auch etwas Wärme ausstrahlen. Unaufgeregt fließen sie dahin, so leicht und unangestrengt wie die ganze Geschichte. Man beobachtet die Krabben am Strand, das Spiel der Wolken am Himmel, die sich je nach Tageszeit verändernden Schatten, den Kreislauf des Lebens. Man taucht hinab ins Meer oder fliegt in Tagträumen hinauf in den Himmel. Den einzigen kurzen dramatischen Höhepunkt bildet ein Tsunami, der über die Insel hinwegfegt.

Dudok de Wit liebt die Totalen und zieht diese den Nahaufnahmen vor, er schafft ein Gefühl für den Raum, in dem die Figuren leben, und hat doch auch den Mut, eine ausdrucksstarke Leere in den Bildern zuzulassen. Die großen Entscheidungen in der Familie vermitteln sich allein über wenige, aber vielsagende Blicke – und es ist meisterhaft, wie es den Animatoren gelingt, die Vielschichtigkeit nonverbaler Kommunikation in derart reduzierte und nuancierte Zeichnungen zu übertragen.

Wie in seinem Kurzfilm „Father & Daughter“ (2000) liegt die große Stärke von „Die rote Schildkröte“ darin, vielfältige Gefühlszustände in betörend schöne Bilder zu übertragen und diese so lebendig werden zu lassen. Der Film lässt Raum für eigene Gedanken und spielt mit poetischen Bildern. Und doch bleibt er, vielleicht gerade deshalb, weil er auf Dialoge verzichtet, ein wenig unverbindlich. Alles fließt hier ziemlich gleichbleibend: das Leben, die Liebe und der Schmerz.

Was dem japanischen Regisseur Isao Takahata an dem Stil von Dudok de Wit gefallen hat, der das Studio Ghibli, das wohl einflussreichste Anime-Studio Japans der vergangenen drei Jahrzehnte, als Produktionspartner mit an Bord brachte, erschließt sich im Laufe des Films sehr schnell. Wie die meisten Ghibli-Filme enthält auch „Die rote Schildkröte“ Momente der Erhabenheit, in denen die Figuren ganz auf sich zurückgeworfen werden, in denen sie über die Schönheit der Natur staunen und in denen die Zeit stillzustehen scheint. Ein Hauch von Shinto weht durch diesen kontemplativen Animationsfilm, der eine Brücke zwischen Japan und Europa schlägt.

Stefan Stiletto, FILMDIENST 6/2017