Don't Blink - Robert Frank

„Keep busy“, lautet nicht nur der Titel eines Films von Robert Frank aus dem Jahre 1975, mit dem er (auch) auf den Unfalltod seiner 20-jährigen Tochter Andrea reagierte. Dieses „Keep busy“ hat der Fotograf und Filmemacher als Lebensmotto von den Beatniks übernommen, von Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Peter Orlovsky und Neal Cassidy, mit denen er 1959 seinen legendären Film „Pull My Daisy“ drehte.

Don't Blink - Robert Frank

Die, so Robert Frank, hätten keinen Plan und erst recht kein Konzept gehabt, sondern einfach immer weitergemacht, ohne genau zu wissen, warum und wohin.

Rollende Steine setzen kein Moos an, würde ein altes Sprichwort zur Kreativität wohl ergänzen. Robert Frank, 1924 als Sohn Deutsch-Schweizer Juden in Zürich geboren, ging 1947 in die USA, um die jüngste europäische Geschichte hinter sich zu lassen. Er erlebte die USA als Möglichkeitsraum einer ganz neuen Form von Freiheit. Ein erster Job bei dem Magazin „Harper’s Bazaar“ erlaubte ihm gleich eine Reise nach Peru. Auf Vermittlung von Walker Evans erhielt Frank 1954 ein Stipendium, mit dem er ein Jahr lang durch die USA reisen konnte, um Material für seinen Band „The Americans“ zu sammeln.

Der Band, heute längst ein Klassiker subjektiver Fotografie, stieß bei Erscheinen auf heftige Kritik, da Frank der paternalistisch-rassistischen und gewalttätigen US-Gesellschaft einen Spiegel vorhielt. Als die Qualität seiner fotografischen Arbeiten allmählich erkannt wurde, wechselte Frank – „Keep busy!“ – zu den „moving pictures“. In rascher Folge entstanden zahlreiche Filme unterschiedlicher Länge, die zumeist als sehr persönliche Reflexionen angelegt, aber dennoch vom Zeitgeist durchdrungen waren.

Anders als die Fotografien blieben die experimentellen Filme aber Teil einer Underground-Szene, von Insidern und Kennern geschätzt und durchaus bewundert. Seither gehörte Robert Frank, mit einem Zweitwohnsitz in der kanadischen Einöde von Nova Scotia, zur New Yorker Szene. Er arbeitete mit den Beatniks und Rudy Wurlitzer, traf sich mit William S. Burroughs, Truman Capote, Andy Warhol, Tom Waits, Morton Feldman und Bob Dylan, gestaltete das Cover des Rolling-Stones-Albums „Exile On Main Street“ und drehte ein Musikvideo für die New-Wave-Band New Order.

Im Jahr 1972 begleitete Frank die Rolling Stones auf ihrer US-Tour. Der daraus resultierende Dokumentarfilm „Cocksucker Blues“ wurde von der Band allerdings nicht freigegeben, da die Musiker um ihr Image und ihre Einreisefreiheit in die USA fürchteten. „Cocksucker Blues“ avancierte zur Legende, obwohl er im Zusammenhang mit Robert-Frank-Ausstellungen durchaus zu sehen war. Auch andere Filme wie „Candy Mountain“ (1987) oder „About Me: A Musical“ (1971) sind viel seltener zu sehen als Franks Fotografien.

Kurzum: Robert Frank ist eine ziemlich legendäre Type, der viel gesehen und erlebt hat, ein Sammler, der in einem Magazin von Erinnerungen lebt und auch gerne erzählt, „aber bitte nicht vor einer domestizierenden statischen Kamera“.

Neben „Keep busy!“ heißt Franks zweites Motto: „Don’t blink!“ Immer in Bewegung bleiben, immer aufmerksam sein, nur nichts verpassen! Da ist es ein Glücksfall, wenn sich mit der Filmemacherin Laura Israel jemand findet, der Frank auf Augenhöhe begegnet und deren zirzensisch-zerstreut-verschmitzt-subversives Spiel mit Assoziationen und leicht kryptischen Andeutungen mitzuspielen weiß. So werden hier in kürzester Zeit Unmengen an unscharfen Informationen faszinierend ausgebreitet, ange- und verschnitten und in neue Zusammenhänge montiert: Fotos, Filmausschnitte und Archivmaterial fügen sich zum eigenwilligen, subjektiven „Memory Book“ eines mittlerweile 92-jährigen Künstlers, der sich mit seinen Fotos, aber insbesondere auch seinen Filmen durch sein eigenes Leben gearbeitet hat. In einem Interview einmal auf die Privatheit seiner Filme angesprochen, antwortete Robert Frank: „Das ist ein Problem. Aber es ist besser, etwas zu machen, als alles einfach wegschwimmen zu lassen.“

Im Film räumt Frank ein, sich immer mehr für randständige Persönlichkeiten interessiert zu haben als für Durchschnittsbürger. Da trifft es sich, dass auf dem vorzüglichen, von Hal Willner besorgten Soundtrack neben dem Erwartbaren, neben den Rolling Stones und The Velvet Underground, Charles Mingus oder Patti Smith auch The Kills, Yo La Tengo oder Johnny Thunders zu hören sind. „Don’t Blink – Robert Frank“ ist deshalb auch eine leicht melancholische, allerdings unsentimentale Reminiszenz an die New Yorker Boheme der 1960er- und 1970er-Jahre. „The Kills” ahnten noch, „What New York Used To Be“, während der längst verstorbene Johnny Thunders mit den Schultern zuckt: „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“. Aber ein Auge darauf werfen sollte man schon.

Ulrich Kriest, FILMDIENST 8/2017