Dokumentarfilm | Österreich/Deutschland 2016 | 114 Minuten

Regie: Christian Krönes

Die zur Zeit der Dreharbeiten 103 Jahre alte Brunhilde Pomsel (1911-2017) erinnert sich an die Zeit des Nationalsozialismus, als sie im Propaganda-Ministerium im unmittelbaren Umkreis von Joseph Goebbels als Sekretärin arbeitete. Die Kamera porträtiert ihr faltiges Gesicht in gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Bildern, während sie präzise über ihre Rolle als Mitläuferin und Randfigur nachdenkt und Vergleiche zwischen heute und damals anstellt. Der Dokumentarfilm kontrastiert ihre Ausführungen mit zeitgenössischem Quellenmaterial, darunter erschütternde Aufnahmen aus dem Warschauer Ghetto. So wird der Zuschauer angehalten, die Aussagen immer wieder neu einzuordnen und die inszenatorisch offen gehaltenen Lücken mit eigenen Gedanken zu füllen. - Sehenswert ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
EIN DEUTSCHES LEBEN | A GERMAN LIFE
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2016
Produktionsfirma
Blackbox Film & Medienprod.
Regie
Christian Krönes · Olaf S. Müller · Roland Schrotthofer · Florian Weigensamer
Buch
Florian Weigensamer
Kamera
Frank Van Vught
Schnitt
Christian Kermer
Länge
114 Minuten
Kinostart
06.04.2017
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Salzgeber (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
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Dokumentarisches Porträt über die Sekretärin des NS-Propagandaministers Goebbels

Diskussion
Als sie in die NSDAP eintrat, nahm sie ihre jüdische Freundin Eva Löwenthal mit. Eva wartete draußen am Zaun, während Brunhilde Pomsel, „Pomseline“, Anfang 20, sich in die lange Schlange einreihte, „hauptsächlich Männer. Und alle wollten sie noch schnell in die Partei.“ Die 10 Mark Aufnahmegebühr taten weh – aber schließlich waren sie eine Investition in die Zukunft. Kaffee trinken mit Eva Löwenthal war im Anschluss nicht mehr drin. Die Investition habe sich für sie gelohnt: Brunhilde Pomsel, Jahrgang 1911, bekam eine gutbezahlte Arbeit im Propagandaministerium, als Sekretärin im unmittelbaren Umkreis von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Als „gepflegten Mann“ beschreibt sie ihn, der sich bei öffentlichen Auftritten in einen „tobenden Zwerg“ verwandelte; er sei „ein ausgezeichneter Schauspieler“ gewesen. Pomsel ist 103 Jahre alt, als sie die vier Filmemacher Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer vor die Kamera holen und aus ihrem Leben erzählen lassen. Das Gesicht der Greisin wird in Schwarz-weiß gezeigt, alle ihre Falten, der Mund, die moderne Brille, manchmal in ganz nahen und ungewöhnlichen Perspektiven, schräg von unten beispielsweise. Insbesondere die extrem nahen Einstellungen und der gelegentlich schnelle Wechsel von einer Einstellung zur anderen irritieren etwas; ansonsten geht das konzentrierte Konzept auf und trägt auch über die fast zwei Stunden. Die Filmemacher konzentrieren sich auf die Zeit von der Machtergreifung bis zum Kriegsende. Zu Beginn gewährt Pomsel Einblicke in ihre Kindheit und Jugend. Anekdotisches und Reflexionen wechseln sich in ihren detaillierten Berichten ab; immer wieder zieht sie Vergleiche zwischen heute und damals: „Das Leben war viel enger, das könnt Ihr alle nicht begreifen. Das fängt an bei der Kindererziehung: Wenn wir ungezogen waren, wurden wir versohlt. Mit Liebe und Verständnis kam man nicht weit. Gehorchen, vielleicht ein bisschen schwindeln und lügen oder die Schuld auf jemand anders schieben – das gehörte dazu.“ Sie erzählt temperamentvoll, reflektiert. Selten sucht sie nach Worten oder Formulierungen. Sie bezieht klar Position. Sie, den Einzelnen, träfe keine Schuld: „Ist es Egoismus, ist es schlecht, wenn Menschen da, wohin sie gestellt werden, etwas tun, was für sie gut ist? Auch wenn es anderen schadet?“ Diese Sätze stellen die Filmemacher an den Anfang, sie werden sich in ähnlicher Weise wiederholen und paraphrasieren schließlich auch den Titel: Hier geht es um „Ein deutsches Leben“, um die Mitläufer, um die „Feiglinge“, wie Pomsel sich einmal selbst bezichtigt. Es geht um diejenigen, die sich anpassen statt Widerstand zu leisten, die lieber weniger wissen wollen statt mehr, die Mehrheit, die Masse, die Hitler erst möglich gemacht habe: „Und natürlich haben wir dann mitgeklatscht.“ Sätze wie dieser, zur Goebbels-Rede im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943 („Wollt ihr den totalen Krieg?“), fallen zum Ende des Films. Die Filmemacher konfrontieren Pomsel nicht mit der beklemmenden Dialektik: Die Masse ist schuldig, aber nicht der Einzelne; man habe das nicht gewusst, „die Judengeschichte“. Allerdings hat man, so wird es in der Summe deutlich, vieles gerne nicht so genau gewusst und vieles gerne geglaubt. Die Regisseure konfrontieren hingegen den Zuschauer. „Ein deutsches Leben“ ist kein reiner Interviewfilm wie André Hellers „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin“ (fd 35 380), der mit besten Absichten einen Voyeurismus befeuert und nach vegetarischen Tortellini, folgsamen Schäferhunden und Frauengeschichten aus dem Zentrum der Macht verlangt, aus dem Zentrum des Bösen – und damit eine passive Haltung befördert: „Was für eine sympathische Frau, Spielball der Geschichte.“ In „Ein deutsches Leben“ wird der Zuschauer hingegen geradezu gezwungen, das soeben Gehörte immer aufs Neue einzuordnen, das Reflektierte wieder zu reflektieren: Die Filmemacher haben Zitate von Goebbels eingebaut – der einmal kurz zu sehen, ansonsten nur zu hören ist – und Archivmaterial, US-amerikanische Propaganda, NS-Propaganda, Wochenschauen, Aufklärungsfilme, chronologisch den Aussagen folgend, von Jugendveranstaltungen in Ammerland zu erschütternden Aufnahmen aus dem Warschauer Ghetto, die aus dem unveröffentlichten NS-Propagandafilm „Geheime Kommandosache“ stammen. Auch hier stehen die Menschen, die „Masse“, im Fokus, die Machtzentrale wird, vor allem im Bild, praktisch ausgenommen – Hitler, Goebbels und alle die anderen. Warum die jeweiligen Ausschnitte (sie werden detailliert ausgewiesen und datiert) mit dem gerade Gesagten und dem darauf Folgenden zusammenmontiert werden, ist der Transferleistung des Zuschauers überlassen: Er muss die Lücken füllen.
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