Embrace - Du bist schön

Im Jahr 2013 postete die Fotografin Taryn Brumfitt ein Vorher-Nachher-Foto auf Facebook, das die Verwandlung ihres durchtrainierten Körpers durch eine Schwangerschaft dokumentierte. Die Resonanz auf das „Fiasko“ war überwältigend. Über 100 Millionen Menschen klickten das Doppelbild an. Offenbar hatte die Australierin ein globales Unbehagen berührt. Sie wollte nicht mehr unrealistischen Schönheitsidealen nacheifern und sich für ihren vom Leben gezeichneten Körper schämen müssen.

Embrace - Du bist schön



In ihrer dank einer Kickstarter-Kampagne finanzierten Dokumentation legt sie jetzt ausführlich die Gründe dar, warum sie beschloß, den Druck von Medien und der Modeindustrie zu ignorieren und stattdessen den Fokus ihrer Existenz auf Erlebnisse und zwischenmenschliche Beziehungen zu legen. Ihre Gesprächspartnerinnen, die von Diskriminierung durch ein vom Schlankheitsideal abweichenden Äußeren erzählen, hat sie in Wien, London, Los Angeles und Kanada gefunden. Mitproduziert wurde der Film von der Schauspielerin Nora Tschirner, die ebenfalls zu Wort kommt.

Können nur faltenlose Schlanke glücklich werden? Müssen die anderen zwangsläufig in Depressionen versinken? In dem lebhaften Austausch geht es um die Erfolglosigkeit von Diäten, die krankhafte Fixierung auf Nahrung statt auf den Lebensentwurf, um Vorurteile gegenüber Übergewichtigen, die vermeintlich ungesund lebten, was die Regisseurin mit ihrer Teilnahme an einem Marathon widerlegt, um Photoshop-Einsatz in der Werbung, Millioneneinnahmen durch Schönheitsoperationen, den Einfluss von Eltern und bewertende Topmodel-Sendungen à la Heidi Klum und immer wieder um die Hölle, durch die Frauen gehen, wenn sie sich dem Diktat eines schlanken, sichtbar fitten Körpers aussetzen.

Am Ende der mit amüsanten Animationen, aber auch schockierenden OP-Bildern arbeitenden Abrechnung steht der Aufruf, gegen den Strom zu schwimmen. Ein positives Körperbild muss nun mal jede Betroffene selbst entwickeln.

Unterstützer dieses Paradigmenwechsels gibt es durchaus, wobei nicht jeder vom Vorwurf der Heuchelei freizusprechen ist. Die Chefredakteurin eines Frauenmagazins und ein erfolgreicher Fotograf berichten von den Gründen für ihre Entscheidung, kurvenreiche und sogar körperbehinderte Models einzusetzen. Eine Magersüchtige warnt unter Tränen vor ihrer Erkrankung, ein Brandopfer und eine am ganzen Körper stark behaarte Frau werden nicht müde zu betonen, dass sie sich mit ihrem buchstäblich Aufsehen erregenden Körper arrangiert haben.

Ihr Plädoyer gegen Körperwahn und für Vielfalt und Akzeptanz reichert die erholsam selbstironische Brumfitt zwar mit einer Überdosis guter Laune an, aber man nimmt ihr und ihren Kombattantinnen durchaus ab, dass sie nach all ihren Kämpfen mit und gegen die Erwartungen der Außenwelt inzwischen mehr oder weniger mit sich selbst im Reinen sind. Auch wenn der Gegendruck konstant bleibt, da Brumfitt in den sozialen Netzwerken nicht nur Zustimmung, sondern auch Beschimpfungen ertragen muss, die ihr Faulheit und Undiszipliniertheit unterstellen.

Alexandra Wach, FILMDIENST 10/2017