Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion

Zunächst ist da die Musik selbst: die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. In Ramón Gielings poetischem Essayfilm finden sich verhältnismäßig lange Passagen, in denen das berühmte oratorische Werk für sich allein stehen darf. Die schönsten Szenen des Films begnügen sich damit, einer Probe des Musikstücks beizuwohnen, die in einem alten Fabrikgebäude stattfindet.

Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion

Die hohen Hallen und die majestätisch fahle Lichtsetzung schaffen einen visuellen Resonanzraum, der sich zwar an wohlbekannten visuellen Klischees orientiert, aber der zeitlosen Musik gleichwohl angemessen ist.

Der Rest des Films ist damit beschäftigt, die Musik einzurahmen. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Weise, aber nie in der Manier eines klassischen Dokumentarfilms – die Entstehungsgeschichte des Werks ist so wenig Thema wie musikwissenschaftliche Analysen oder theologische Ausdeutungen. Stattdessen geht es der Inszenierung um Spuren, die die Matthäus-Passion in der Gegenwart hinterlässt. Die Grundidee scheint dabei zu sein, dass die Musik eine Naturgewalt darstellt, die die Zuhörenden im Innersten trifft, sie zu Tränen rührt und im besten Fall sogar ihr Leben ändern lässt.

Es geht also gerade nicht um ästhetische Kontemplation, sondern um realweltliche Wirkungsmacht. Die Tränen, von denen im Film oft die Rede ist, ohne dass weinende Menschen ständig im Bild zu sehen wären, sind keine der bloßen individuellen Rührung, sondern Ausdruck eines öffentlichen, geteilten Leids. Die Matthäus-Passion ist, so lautet die einmal auch explizit ausformulierte Hauptthese des Films, ein Angebot, das es den Menschen ermöglicht, ihre Trauer nicht in sich zu verschließen, sondern sie mit anderen zu teilen und dadurch zu lindern.

Die Inszenierung gibt sich alle Mühe, die emotionale Wucht zu illustrieren, die der Musik zugeschrieben wird. Das beginnt mit einer guten Idee. Bei den Probeszenen in der Fabrik ist auch ein Obdachlosenchor zugegen; die alten, vom Leben gezeichneten Frauen und Männer hören meist nur zu, werden gelegentlich aber auch selbst Teil der Aufführung. Dabei entstehen Bilder, in denen das ästhetische Programm des Films plötzlich Sinn ergibt: Was macht die Musik mit diesen Körpern? Gelingt es ihr tatsächlich, die sozialen und biografischen Unterschiede momenthaft zu überwinden? Wird sie vielleicht sogar zum Medium einer anderen, besseren Gesellschaft?

Die meisten anderen Rahmungen erscheinen weitaus weniger inspiriert. Die Matthäus-Passion mit Ausschnitten aus Pasolini-Filmen oder gelegentlich auch mit (Fernseh-)Bildern von den Schlachtfeldern der Gegenwart zu konfrontieren, mag den einen oder anderen interessanten Effekt hervorbringen; gleichwohl werden diese Passagen den Eindruck der Beliebigkeit nie ganz los. Auch die regelmäßig auftauchenden Schrifteinblendungen und kurze dramatische Miniaturen, unter anderem eine dunkelromantisch ästhetisierte Sexszene, verlieren sich alsbald im bloß Ornamentalen.

Am Problematischsten ist der Film allerdings, wenn er seinen Titel ernst nimmt und tatsächlich versucht, die Matthäus-Passion zum Ausgangspunkt von Erzählungen zu machen. Dafür werden eine Reihe von Kronzeugen vor die Kamera gestellt, bekanntere (etwa Peter Sellars) und unbekanntere, die ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Musikstück ausbreiten.

Einmal soll die Musik von Bach dafür verantwortlich sein, dass eine Frau sich gegen eine Abtreibung entschieden hat, einmal führt sie einen Kommunisten an die Spiritualität heran, einmal hilft sie einer Mutter, den Tod ihres Kindes zu verarbeiten. Das mag alles stimmen; doch wenn Bachs Musik so kraftvoll ist, wie Gieling behauptet (und persönlich möchte man da keinesfalls widersprechen), dann sollte man doch jede Zuhörerin, jeden Zuhörer ihre/seine eigenen Erfahrungen machen lassen.

Lukas Foerster, FILMDIENST 8/2017