Fahr ma obi am Wasser

Wer an einem schönen Tag an der Münchner Floßlände schon einmal zugeschaut hat, wie dort die angelandeten Flöße auseinandergebaut und deren 18-Meter-Stämme auf gigantische Sattelschlepper verladen werden, der kann sich der Faszination des Flößens kaum mehr entziehen.

Fahr ma obi am Wasser

Das gilt auch für den Filmemacher Walter Steffen: In seiner Dokumentation „Fahr ma obi am Wasser“ beschäftigt er sich mit der Historie und der wirtschaftlichen Bedeutung, aber auch mit der puren Schönheit der jahrhundertealten Tradition des Flößens auf Isar und Loisach. Mit beeindruckenden Luftaufnahmen, stimmig animierten Lüftlmalereien und ebenso sympathischen wie authentischen Protagonisten spürt Steffen der Geschichte und Gegenwart des Waren- und Passagiertransports auf den beiden oberbayerischen Flüssen nach.

Die Dramaturgie wird dabei von der Natur vorgegeben. Der Film startet im Tiroler Karwendelgebirge, wo die Isar entspringt, und folgt dem Lauf des Gebirgsflusses bis nach München. An markanten, historisch oder literarisch bedeutsamen Stationen, gefährlichen Stromschnellen oder Handelsstädten wie Wolfratshausen und Bad Tölz macht die Inszenierung Halt, lässt Flößermeister, Fremdenführer, Bauern und Gastwirte Anekdoten über die Floßfahrt erzählen.

Diese ist seit dem 12. Jahrhundert verbürgt und war mit dem Transport von Holz, Branntkalk oder Bier, aber auch Wein und italienischen Stoffen ein wichtiger Faktor für den Wohlstand der Stadt München, aber auch des ländlichen Isarwinkels. „Ein frühes Beispiel für Globalisierung“, nennt einer das Handelstreiben auf der Isar, „Oberland und Stadt brauchten einander“.

Ein großes Plus der Inszenierung sind die gut ausgewählten Gesprächspartner, vor allem die wenigen verbliebenen Floßmeister, die ihr Geld heute mit „Gaudifahrten“ verdienen, also dem von Bier und Blasmusik begleiteten Transport von Ausflüglern nach München. Der aus einer Floßmeister-Dynastie stammende Josef Seitner etwa ist ein bayerisches Original, das sehr witzig über seinen Flößer-Großvater philosophiert, beiläufig essenzielle Weisheiten verkündet oder vom großen Glück erzählt, in stillen Momenten dem Kies unter dem darüber hinwegrollenden Floß lauschen zu können.

„Fahr ma obi am Wasser“ ist von einem freundlichen, zustimmenden Tonfall geprägt, ohne in eine eindimensionale Nostalgie-Ecke abzudriften. Dafür erscheinen die Gesprächspartner, bei aller Liebe zu Vergangenheit und Geschichte, viel zu bodenständig in der Gegenwart verwurzelt. Dieser Spagat gelingt auch der Filmmusik, die eindeutig regional verortet ist, ohne ins klischeehaft „Kracherte“ zu verfallen.

Sein gutes Ohr für süddeutsche Klänge hatte Regisseur Steffen schon in seinem Dokumentarfilm „Bavaria Vista Club“ (fd 42 814) über die zeitgenössische bayerische Musikszene unter Beweis gestellt. In „Fahr ma obi am Wasser“ beweist er auch ein Gespür für die visuelle Ebene, die mit atemberaubend schönen Luftaufnahmen, aber auch meditativen Bildern von mal plätscherndem, mal dahinrasendem, aber niemals stillhaltendem Wasser überzeugt.

Der von der „Flößerstadt“ Wolfratshausen sowie privaten und gewerblichen Geldgebern finanzierte Film bleibt dabei aber durchaus den Konventionen verhaftet; dass der Film auch helfen soll, den Tourismus in der Region anzukurbeln, ist kaum von der Hand zu weisen. Diesem Hintergrund sind wohl auch die inszenierten Schwarz-Weiß-Bilder einer „historischen“ Floßfahrt zuzuschreiben und die insgesamt eher „brave“ Herangehensweise. Nichtsdestotrotz bleibt „Fahr ma obi am Wasser“ gut fundiert und voller mitreißender Zuneigung seinem Thema treu: Dem schönen, gefährlichen, wirtschaftlich so wichtigen und ungeheuer beschwerlichen Leben auf und mit den Wassern der Isar.

Katharina Zeckau, FILMDIENST 10/2017